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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 8. November 2013

Juden vogelfrei auch in Karlsruhe

Zerstört: die Synagoge Karl-Friedrich-Straße. Bild: Stadtarchiv

Zerstört: die Synagoge Karl-Friedrich-Straße. Bild: Stadtarchiv

 

"Reichskristallnacht" läutete vor 75 Jahren Deportationen unschuldiger Menschen ein

"Es werden in kürzester Zeit in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere deren Synagogen stattfinden", unterrichtete der Berliner Gestapochef fünf Minuten vor Mitternacht am 9. November 1938 alle Staatspolizeileitstellen. Da brannten in Deutschland bereits Synagogen und Wohnhäuser von Juden.

Initiativ war die Verlautbarung von Propagandaminister Goebbels anlässlich der Feierlichkeiten der "Alten Kämpfer" zum Hitler-Ludendorff-Putschversuch in München. Das Attentat auf den deutschen Legationssekretär vom Rath in Paris durch den  17-jähri­gen Herschel Grünspan aus Hannover bot den Anlass einen  brutalen "Volkszorn" zu entfachen.

Herschel verzweifelte wegen der  Abschiebung seiner Eltern im Oktober 1938 mit tausenden Anderen nach Polen - darunter auch 62 Menschen aus Karlsruhe. Die SA stand mobilisiert zur Verfügung, hatte sie doch in den Abendstunden zuvor auch in Karlsruhe ihre traditionellen Feierlichkeiten zum 9. November abgehalten. Der "Volkszorn" war keineswegs nur von NS-Gliederungen inszeniert, sondern fand viele willige Teilnehmer und noch mehr Schaulustige.

Die Karlsruher Synagogen in der Kronen- und Karl-Friedrich-Straße wurden in Brand gesteckt. Der Terror richtete sich auch gegen jüdische Geschäfte und Bankhäuser der Stadt. Schlägertrupps suchten einzelne Wohnungen auf, drangsalierten die verängstigten Bewohner, zerschlugen Einrichtungen. Am 10. November begann vor der Morgendämmerung die Verhaftung hunderter jüdischer Männer der Stadt zwischen 16 und 60 Jahren und abends die Deportation nach dem KZ Dachau.

Um "8:15 tot aufgefunden" vor der Polizei am Marktplatz wurde der 69-jährige Leopold Friedmann, tatsächlich war er zuvor misshandelt worden.  Insgesamt starben in der Folge des 9./10. November fünf jüdische Karlsruher.

Die Stadtverwaltung verfügte im Dezember 1938 den  Abbruch der Synagogen auf Kosten der beiden jüdischen Gemeinden. Der 9. November 1938 steht nach der vorherigen Diskriminierung und Entrechtung für den Übergang zur Phase der Vertreibung und des Terrors, der schließlich in die millionenfache Ermordung von Juden mündete. -jsk-

 
 

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