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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 14. November 2014

Gedenken an Reichspogromnacht: Was kein Geschichtsbuch leisten kann

TEIL DER MAHNWACHE vor der ehemaligen Synagoge in der Kronenstraße waren Rabbiner Zeev-Wolf Rubins (r.) mit spezieller Liturgie, Zeitzeuge Paul Niedermann (5. v. r.) und EB Wolfram Jäger (l.). Foto: Fränkle

TEIL DER MAHNWACHE vor der ehemaligen Synagoge in der Kronenstraße waren Rabbiner Zeev-Wolf Rubins (r.) mit spezieller Liturgie, Zeitzeuge Paul Niedermann (5. v. r.) und EB Wolfram Jäger (l.). Foto: Fränkle

LÜGE VON THERESIENSTADT: Achim Thorwald (rechts) und Wolfgang Weth bei der Gedenkveranstaltung im Tollhaus. Foto: Fränkle

LÜGE VON THERESIENSTADT: Achim Thorwald (rechts) und Wolfgang Weth bei der Gedenkveranstaltung im Tollhaus. Foto: Fränkle

 

Agneshaus und Zeitzeuge bereichern Mahnwache, Provokation und Filmlüge im Tollhaus

„Einer muss es ja machen“, erklärte Paul Niedermann mit einem Lächeln und einem Achselzucken seinen Einsatz gegen das Vergessen. Der jüdische Zeitzeuge der NS-Gräuel ist inzwischen 87 Jahre alt, weshalb ihn das Engagement junger Menschen so freut.

Die Agneshaus-Fachschule gestaltete dieses Jahr die Mahnwache zur Reichspogromnacht, die vom 9. auf den 10. November 1938 tausendfache Zerstörung brachte und in der hunderte Juden getötet wurden. Vor der damals verwüsteten, ehemaligen Synagoge in der Kronenstraße war diese Nacht in Texten und Bildern ebenso Thema wie das französische Lager Gurs. Niedermann zählte zu den dorthin Deportierten. „Kein Geschichtsbuch kann so wirklichkeitsgetreu berichten“, schrieb eine Schülerin über den gebürtigen Karlsruher. Der blieb nach dem Krieg in Frankreich, wo er Fluchthilfe bekommen hatte. Erst 1987 wirkte der Barbie-Prozess als Impuls, zu reden. Im Folgejahr kehrte der Holocaust-Überlebende erstmals offiziell nach Karlsruhe zurück. Seither besuchte er viele Städte und Schulen. „Ich träume in vier Sprachen. Meine Wurzeln liegen hier.“ Aufmerksam verfolgte der Journalist, wie eine Schülerin das recherchierte Schicksal der Karlsruherin und Agneshaus-Schülerin Bertha Emsheimer schilderte. Sie starb in Auschwitz.

Schüler und Lehrer trugen auch Gedichte und mit Claus Boesser-Ferrari das Lied „Berlin - Tel Aviv“ vor. Es handelt von einem Mädchen, das nach Palästina flieht: ohne Vater, dessen Herz an Deutschland hing. Sie sah ihn nie wieder. Ähnlich erging es der Karlsruher Familie Teicher. Da der 9. November 2014 auf einen Sonntag fiel, fand die Mahnwache am 10. statt. Das passt historisch. Und werktags, so Erster Bürgermeister Wolfram Jäger, erfahre sie mehr Aufmerksamkeit. Die Jugendlichen lobte er: „Es ist nicht selbstverständlich, Standpunkte öffentlich und gegen Kritik zu vertreten.“

Dichtes Gedenken

Tags zuvor, am 9. November, hatten die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und andere zur Gedenkfeier im Tollhaus eingeladen. Die meisten Teilnehmer verließen sie mit dem Eindruck, dies sei die „seit Jahren inhaltlich dichteste Veranstaltung“ gewesen. Einigermaßen irritiert war das Publikum, als Klarinettist Wolfgang Weth zu Beginn den Badenweiler-Marsch anstimmte, den er freilich im Verlauf der Sequenz immer mehr verfremdete. Anders bei der Nazi-Hymne „Die Fahne hoch“, die er nur mit wenigen Takten anspielte. Warum diese Melodien? Weil das KZ Theresienstadt keine gemütliche Einrichtung war, sondern Teil des Terrors. Die Nazis wollten, dass das internationale Publikum einen anderen, falschen Eindruck von Theresienstadt gewinnt. Deshalb befahlen sie dem KZ-Insassen Kurt Gerron, einen „Dokumentarfilm“ über das dortige wunderbare Leben zu drehen.

Vor seiner Inhaftierung war Gerron ein bekannter UFA-Regisseur und -Schauspieler. Über seine Zerrissenheit berichtet ein Roman: „Soll ich den Film machen und damit eine gefilmte Lüge? Meine Darstellung kann mich wenigstens für eine Zeit vor dem Transport nach Auschwitz schützen. Oder soll ich ablehnen? Damit werde ich sofort nach Auschwitz geschickt.“

Charles Lewinsky hat diesen Roman geschrieben und der ehemalige Staatstheater-Intendant Achim Thorwald bei der Gedenkveranstaltung daraus gelesen, unterstrichen durch Ausschnitte aus dem Film, den Gerron schließlich doch gedreht hat. Begleitet von Musik aus den 30er Jahren. Weth spielte nicht nur Nazi-Melodien, sondern auch Swing-Stücke. Selbst schneiden durfte Gerron den Film nicht mehr. Er und seine Frau Olga wurden am 30. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Drei Tage später wurde die Vergasung eingestellt. -mab/erg-

 

 
 

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