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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 1. Mai 2015

Kultur: Wenn es Nacht wird in den Laboren

SEDIMENTE nennt David Semper die Arbeit im Vordergrund. Foto: Fränkle

SEDIMENTE nennt David Semper die Arbeit im Vordergrund. Foto: Fränkle

DUNKLE WUNDERKAMMERN: Die Fotografin Simone Demandt  (Jahrgang 1959) studierte an der Kunstakademie und an der Universität Stuttgart und ist seit 1987 als freie Künstlerin tätig. Foto: Fränkle

DUNKLE WUNDERKAMMERN: Die Fotografin Simone Demandt (Jahrgang 1959) studierte an der Kunstakademie und an der Universität Stuttgart und ist seit 1987 als freie Künstlerin tätig. Foto: Fränkle

 

Simone Demandt lässt nächtens „Tief blicken“ / David Semper zeigt „Tagwerk“ / Ausstellungen in der Städtischen

Mit Einzelausstellungen würdigt die Städtische Galerie derzeit gleich zwei Kunstschaffende.

Die in Baden-Baden lebende Fotografin und Hanna-Nagel-Preisträgerin Simone Demandt zeigt in „Tief blicken“ nächtliche Aufnahmen menschenleerer wissenschaftlicher und industrieller Forschungslabore. Von der Werner-Stober-Stiftung mit deren Kunstpreis bedacht wurde David Semper, der Komponenten wie Raum, Zeit und Material aufeinander bezieht und daraus unter dem Titel „Giornata“ (Tagwerk) skulpturale Elemente entstehen lässt.

In der Nacht sind alle Katzen grau und alle Labore dunkel. Oder doch nicht? Zumindest nicht ganz. Ob nächtliche Baustellen an Autobahnen oder wie Simone Demandt sagt „fliehende Bühnen“, verlassene Turnhallen oder leere Garagen - die Sujets der Künstlerin sind so irritierend wie faszinierend. In der Städtischen Galerie zeigt sie großformatige Fotos ihrer Werkgruppe „Dunkle Labore/ Labs overnight“. Orte, die für sie „narrativ aufgeladen“ seien, Geschichten mit sich herumschleppten.

Sie betritt damit eine für Außenstehende verborgene Welt mit Abzugshauben, Messgeräten, Monitoren, Rechnern, Schläuchen und Glasgefäßen und wertet sie ästhetisch auf. Da kann beim Betrachten die Phantasie schon mal Purzelbäume schlagen. Unheimlich und surreal wirken die dunklen Kammern des Max-Planck-Instituts für Pflanzenforschung in Köln, der Heidelberger Rechtsmedizin oder die der Zellbiologie und Physik der Universität Karlsruhe. Aber auch beruhigend in ihrer Stille.

Beim Fotografieren hat Simone Demandt fast alles dem Zufall überlassen. Sie veränderte nichts, nutzte das geringe Eigenlicht von Straßenlampen und Monitoren, wählte lediglich Bildausschnitt und Blende und aktivierte den magnetischen Timer mit Selbstauslöser. Was bei acht- bis zehnstündiger Belichtungszeit dann herauskommt, „ist alles andere als der Normalzustand“. Es handle sich um eine Metaebene, „das Labor spielt sich sozusagen selbst“, so die Künstlerin, der kürzlich von Erstem Bürgermeister Wolfram Jäger der Hanna-Nagel-Preis überreicht wurde.

Den nach der Karlsruher Zeichnerin und Grafikerin benannten Preis hatten 1998 ursprünglich fünf (jetzt sind es acht) Karlsruher Präsidentinnen gestiftet. Als Ansporn für Künstlerinnen über 40, noch einmal richtig durchzustarten, und als Belohnung für ihr konsequentes künstlerisches Schaffen. Die Auszeichnung ist verbunden mit einem Preisgeld von 2 000 Euro, einem Ankauf durch das Regierungspräsidium sowie einer Ausstellung mit Begleitkatalog.

Dass die Galerie-Räume noch bis vor kurzem saniert wurden und noch nicht alles wieder an Ort und Stelle ist, dieser Werkstattcharakter spielte David Semper in die Hände. Der Absolvent der Karlsruher Kunstakademie schloss sein Studium der freien Malerei und Grafik 2011 ab und darf nun den mit 5.000 Euro dotierten Werner-Stober-Preis 2014 sein eigen nennen.

Mit seiner Arbeit „Reiseapotheke“ ist er nicht nur in der aktuellen Künstlerbund-Ausstellung „Alle!“ vertreten, er hat mit Giornata (Tagwerk) bis 5. Juli noch zusätzlich eine Einzelschau. Stellwände, Pressspanplatten, Holzleim und Schwefel sind die Materialien, mit deren Hilfe er speziell für diesen Ort künstlerische Interventionen mit Bezug zu Gegenwart und Geschichte des Hallenbaus kreiert hat. Ein nach seinen Worten „fast kindlicher Prozess.“ Jeder Ort sei eine „Herausforderung“, so Semper, es gebe keine Hierarchie an Räumen.

Gleichsam als Ornament bohrt er für seinen „Schwefel-Fries“ in Karlsruhe Löcher in die Wand und klemmt als „malerische Geste“ gelbe Schwefelbrocken hinein. An ein Signalschild, das etwa vor dem Austreten von Säure warnen könnte, erinnert eine weitere Arbeit. Er hat dafür Holzleim mit Schwefelpigment vermengt und in der Mitte einer quadratischen Presspanplatte aufgetragen. Und beobachtet, was geschieht. -maf-

 
 

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