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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 22. Mai 2015

Geschichte: Als 200 Menschen einfach weg waren

Mit der Verfolgung der Sinti und Roma begannen in Karlsruhe die Deportationen

Vor 75 Jahren, am 16. Mai 1940, fand im Deutschen Reich die erste Deportation von Angehörigen der Minderheit der Sinti und Roma statt, mit der die mörderische Rassenideologie der Nationalsozialisten umgesetzt wurde.

Sie traf 2.800 Sinti und Roma, darunter etwa 200 Menschen aus Karlsruhe. Der Sammelpunkt der Karlsruher Familien war der Hof des Polizeipräsidiums am Marktplatz. Auf Polizeilastwagen transportierte man sie von dort aus in das Zuchthaus Hohenasperg, das als Sammellager diente. Von Asperg aus wurden sie am 22. Mai in einem „Sonderzug“ in Ghettos und Arbeitslager im besetzten Polen verschleppt.

Dort mussten sie unter katastrophalen Lebensbedingungen Zwangsarbeit leisten, viele von ihnen starben an Unterernährung und Krankheiten. Später wurden Sinti und Roma in Vernichtungslager deportiert oder bei Massenerschießungen und in Vergasungs-LKWs ermordet.

Die Aktion ging in Karlsruhe ohne öffentliche Reaktionen vor sich, ohne Proteste in der Bevölkerung verschwanden 200 Mitbürgerinnen und -bürger aus der Stadt.

Begonnen hatte die systematische Überwachung und Ausgrenzung bereits zur Zeit der Weimarer Republik. So war im Landespolizeiamt in Karlsruhe eine Fingerabdruckkartei der Sinti und Roma angelegt worden und sie mussten einen Ausweis mit dem Buchstaben „Z“ für „Zigeuner“ mit sich führen. Die offizielle Abgrenzung zum Rest der Bevölkerung war damit festgeschrieben.

1938 legten nationalsozialistische „Rassenforscher“ zur „rassehygienischen“ Erfassung der Karlsruher Sinti „Rassegutachten“ an. So wurden die zukünftigen Opfer genau erfasst, ein schneller Zugriff auf die Familien war nun möglich. Vereinfacht wurde dieser noch durch eine Verordnung, nach der sie ab 1938 den Stadtbezirk ohne Passierschein nicht mehr verlassen durften. Die Grundlagen zur Durchführung der Deportation waren damit gegeben.

Auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus blieb es bei der negativen Haltung der Bevölkerung und des Staats gegenüber den Sinti und Roma. 1956 bezeichnete der Bundesgerichtshof die Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten bis 1943 als „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“. Paul Werner, der Organisator der  Deportation vom Mai 1940, setzte sein Karriere fort und wurde 1955 in Stuttgart zum Ministerialrat ernannt.

Der Bundesgerichtshof revidierte seine Entscheidung erst 1963 und urteilte, dass rassistische Motive die wesentliche Ursache der Verfolgung der Sinti und Roma waren. 1982 erkannte die Bundesregierung die Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord an. Die Vorbehalte von Teilen der Bevölkerung gegenüber Sinti und Roma abzubauen, bleibt jedoch auch weiterhin eine wichtige Aufgabe. -vs-

 
 

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