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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 5. Juni 2015

Landesausstellung: Das Netzwerk der Meistersammlerin

REMBRANDTS Selbstbildnis ist das Karlsruher Spitzenwerk. Foto: SKK

REMBRANDTS Selbstbildnis ist das Karlsruher Spitzenwerk. Foto: SKK

REKONSTRUKTION der barocken Hängung des Malereikabinetts mit Blick in den Highlightsaal, wo rechts van Dycks Meisterwerk "Susanna Fourment und ihre Tochter" zu erkennen ist. 	    Foto:Fränkle

REKONSTRUKTION der barocken Hängung des Malereikabinetts mit Blick in den Highlightsaal, wo rechts van Dycks Meisterwerk "Susanna Fourment und ihre Tochter" zu erkennen ist. Foto:Fränkle

 

Die gelehrte Markgräfin Karoline Luise als eine der bedeutendsten Frauen Europas

Sie zeigt, was die eigentliche Gründerin der Kunsthalle erwarb und wie sie sich dafür europaweite Verbindungen schuf: die großartige Landesausstellung "Die Meister-Sammlerin. Karoline Luise von Baden".

Der bis zu ihrem Tod 1783 unermüdlich der Wahrheit in Praxis und Theorie von Kunst und Naturwissenschaften nachforschenden Fürstin verdankt die Kunsthalle noch heute ihren Rang als Spitzenmuseum. Kern ist das einst 205 Werke umfassende, intime Malereikabinett, von denen 160 Bilder, davon 151 aus eigenem Besitz zu sehen sind. Darunter der damals extrem teure, feinmalerisch plastische Blumenstrauß des Amsterdamers Jan van Huysum und das seinerzeit billige, heute als das Highlight der Kunsthalle geltende Selbstporträt Rembrandts.

Die übrigen 40 Werke sind verschollen. Geradezu bürgerlich für das eigene Studium, als "ihre Bibliothek", kreist das Kabinett um Genre, Landschaften und Stillleben holländischer, flämischer oder von ihnen beeinflusster französischer Maler des 17. und 18. Jahrhunderts. Und das in kleinen Formaten mit höchstem Anspruch. Deshalb verkaufte Karoline Luise auch immer wieder Bilder: "Ich dulde in meinem Kabinett nichts, das nicht perfekt ist", schrieb sie.

Geboren 1723 im verarmten Darmstadt, erhielt die später Französisch, Italienisch, Englisch und Latein beherrschende Prinzessin einen durch ihren Stundenplan mit 52 Wochenstunden dokumentierten Universalunterricht - inklusive Mal- und Zeichenstunden. 1751 heiratete sie den fünf Jahre jüngeren Markgraf Karl Friedrich, schon damals als Minerva, Göttin der Wissenschaft und Künste, in einer goldenen Medaille verewigt.

Für ihr schließlich sehr dichtes Informationsnetzwerk steht die 600 Briefe umfassende literarische Korrespondenz, über die sie sich 14-täglich mit dem Neuesten aus der Pariser Kulturszene informieren ließ sowie der edle Schreibtisch von Abraham Röntgen. Unter Leitung von Dr. Holger Jacob-Friesen hat ein zehnköpfiges deutsch-schweizerisches Team, basierend auf den Forschungen von Jan Lauts, nun vor allem Herkunft und "Wanderungen" vieler Bilder genauer erforscht sowie sie und ihre Rahmen restaurieren lassen. Mit von der Partie auch Experten des Generallandesarchivs, wo 154 Bände mit allen Korrespondenzen, auch mit dem Philosophen Voltaire oder Kaiserin Maria Theresia liegen. Wesentliche Geschmackskriterien der Feinmalerei vermittelte Karoline Luise der realistische Pastellmaler Jean-Étienne Liotard, von dem sein exotisches Selbstporträt und gleich beide Fassungen der jungen Prinzessin an der Staffelei zu bewundern sind.

Ebenso wie ihre beiden einzigen Auftragswerke ("einzigartige Freude"), die zwei Schäferidyllen des dagegen die Natur idealistisch veredelnden französischen Hofmalers François Boucher. Dass sie mit ihrer eigenen Kunst mithielt, beweisen die Rötelzeichnung "Lesende" oder die Kopie der "Kleopatra" nach Caspar Netscher. Das Original hatte ihr auf der Auktion der Sammlung des Comte de Vence, der Film und ein eigener Raum gewidmet sind, 1761 der Agent Jean-Henri Eberts neben 16 weiteren Werken ersteigert. Unter ebenso kunstsinnigen Zeitgenossinnen tritt die als Geschmacksikone geltende Freundin Ludwigs XV, Madame de Pompadour, mit selbst geschaffenen Radierungen über Kindheit und Jugend hervor. Von Verbindungen nach England zeugt Joseph Wright of Derbys Hauptwerk "Drei Männer betrachten den Borghesischen Fechter bei Kerzenschein".

Eine Brücke zu den naturkundlichen Interessen Karoline Luises schlägt eines der schönsten Meissener Porzellane mit einem Dekor filigraner Insekten. Und wie das private Kabinett schließlich zum öffentlichen Museum wurde, zeigen die letzten Kapitel der Schau. Bis 6. September, mit Katalog und Aufsatzband (Deutscher Kunstverlag). -cal-

 
 

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