Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt, Sprung zur Suchmaschine

Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 3. Juli 2015

Festivalsommer: Weinbrenner prägte Klassizismus mit

IN DIE PYRAMIDE über das Grab von  Stadtgründer Karl Wilhelm legte Weinbrenner auf einen Tisch diese grafisch gestaltete Platte aus Kalkstein mit dem Fächergrundriss samt Erweiterungen. Foto. Fränkle

IN DIE PYRAMIDE über das Grab von Stadtgründer Karl Wilhelm legte Weinbrenner auf einen Tisch diese grafisch gestaltete Platte aus Kalkstein mit dem Fächergrundriss samt Erweiterungen. Foto. Fränkle

VIA TRIUMPHALIS mit rhythmisch gestalteter Abfolge von Plätzen und Straßen, vorne der Markplatz mit nicht realisierten Boutiquen. Foto: Fränkle

VIA TRIUMPHALIS mit rhythmisch gestalteter Abfolge von Plätzen und Straßen, vorne der Markplatz mit nicht realisierten Boutiquen. Foto: Fränkle

 

Bisher umfassendste Ausstellung / Maßstäbe für Architektur und Städtebau / Exponate teilweise erstmals zu sehen

Dem stadtbildprägenden Baumeister Friedrich Weinbrenner gilt in der Städtischen Galerie die vierte große Geburtstagsschau. Über 400, teilweise erstmals gezeigte Originale und Modelle beleuchten sein Wirken in Karlsruhe, Baden und überregional, etwa im Theaterbau.

Die elfteilige Ausstellung ist die bisher umfassendste, kuratiert von Dr. Gerhard Kabierske und Dr. Joachim Kleinmanns vom Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau am KIT (saai). Weinbrenner, vorgestellt in einer Büste von Aloys Raufer und Porträts verschiedener Lebensstadien, kam 1766 als Sohn eines Zimmermanns in Karlsruhe zur Welt. Zunächst trat er mit Zimmerlehre, Handwerks- und Zeichenschule in die väterlichen Fußstapfen, wofür der Entwurf eines Dachstuhls  steht.

Nach Architekturstudien in Wien und Berlin – belegt durch erstmals präsentierte, heute in Philadelphia aufbewahrte Studienarbeiten wie Kuppel- oder Mauerwerkskonstruktionen - machte ihn sein vom Hof finanzierter Aufenthalt in Rom von 1792 bis 97 endgültig zum Klassizisten.

Dort studierte er antike Stätten nicht nur, sondern rekonstruierte sie wie das Hippias-Bad. Das wandelte er auch als Fürstengruft ab, um sein Funktions-, Form- und Konstruktionsverständnis zu schulen. Zudem beeinflusst von dem italienischen Renaissancebaumeister Palladio und  französischer Revolutionsarchitektur, reduzierte er seine Bauten auf schlichte, immer neu kombinierbare geometrische Formen. Idealentwürfe öffentlicher Gebäude wie Stadttor oder Rathaus schickte er als Studiennachweis nach Karlsruhe.

Aus diesem Repertoire schöpfte er ein Leben lang. Nach der Rückkehr als badischer Bauinspektor wurde sein 1801 genehmigter Generalbebauungsplan mit dem Herzstück, der Via Triumphalis, zur Grundlage seines 25-jährigen Schaffens. Die harmonische Folge von Straßenabschnitten und Platzräumen mit Marktplatz, Rondellplatz und Ettlinger Tor, ist in einem großen Modell visualisiert. Sie trug ihm schließlich 1809 die Ernennung zum Oberbaudirektor Badens ein.

Als seine große Leistung bleibt, die barocke Planstadt zu einem städtebaulichen Gesamtkunstwerk des Klassizismus umgeformt zu haben -  inklusive Erweiterung nach Süden und Westen wie der  Einbindung des "Dörfles". Als Highlight zeigt das auch der erstmals öffentlich ausgestellte Stadtplan von 1823 aus der  Pyramide. Eingezeichnet sind  sogar Wasserleitungen, denn der Chef widmete sich ebenso akribisch Alltäglichem wie einer Suppenküche zur Armenspeisung oder einem Pulvermagazin an der Kriegsstraße.

Mit einheitlichen Prinzipien für den Wohnhausbau  führte er das Ideal der Planstadt fort. Privatleuten ermöglichte er individuelle Gestaltungen über Balkons oder Giebel, wie das Haus Ettlinger (1825) am Zirkel beweist, heute integriert in den Neubau der L-Bank. Mit seinen stets in den Stadtraum eingepassten Monumentalbauten setzte er Akzente, jenseits des Markplatzes etwa mit der ägyptisierenden Synagoge an der Kronenstraße oder der als einzigem Gebäude unzerstörten Münze an der Stephanienstraße.

Heute nicht mehr nachvollziehbar ist sein damals vorbildliches Gartenreich fürstlicher Parks zwischen Karls- und Rüppurrer Tor an der Kriegsstraße. Einbezogen war  hier auch sein eigenes Wohnhaus am Ettlinger Tor. Als Oberbaudirektor hatte er im ganzen Land bei allen Staatsbauten und -planungen das letzte Wort, so mit den Entwürfen  für die teilweise zerstörten Städte Gernsbach und Kehl oder die Gestaltung der Kurorte Baden-Baden und Badenweiler. Hier kümmerte er sich auch um die Ausgrabung  der römischen Badeanlage, was in der Schau mit Grundriss und Rekonstruktionen dokumentiert ist.

Ebenso mit Plänen und Ansichten visualisiert sind seine Theaterbauten für Karlsruhe und Leipzig, Denkmäler und der damals völlig neue Bautyp eines  Gefängnisses für Hannover. Seine Erkenntnisse gab er schließlich in seiner Bauschule, einer Keimzelle für das KIT, an über 100 Schüler weiter. Davon zeugen Detailzeichnungen wie korinthische Kapitelle oder Entwürfe wie das Weltzienhaus an der Karlstraße von Carl und Georg Kuentzle. Bis 4. Oktober, den 480-seitigen, 29.80 Euro teuren Katalog (Michael Imhof Verlag) gibt es in der Galerie. -cal-

 
 

Zur Übersicht der Wochenausgabe