Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt, Sprung zur Suchmaschine

Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 28. August 2015

Festival für Kinder: Karlopolis lehrt Wert von Arbeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt

HOCHKONJUNKTUR herrschte oft im Handwerk von Karlopolis, das die Polizei sicherte und die Gärtnerei verschönerte. Foto: Fränkle

HOCHKONJUNKTUR herrschte oft im Handwerk von Karlopolis, das die Polizei sicherte und die Gärtnerei verschönerte. Foto: Fränkle

 

500 Kinder beleben dank Stadtjugendausschuss, Sponsoren und Betreuern ihre eigene Stadt

„Ich hoffe es!“ Maja spricht von einer Ausnahme, um nach überragender Premiere auch 2016 in Karlopolis einziehen zu dürfen, obwohl sie mit 14 dann zu alt wäre. Das Mädchen strahlt bei der Arbeit in der zum schönsten Betrieb gekürten Gärtnerei, hat sich eine Tomate für den heimischen Balkon mitgenommen, zeigt beispielhaft, wie gut die vom Stadtjugendausschuss organisierte Kinderspielstadt ankommt. Eine Welt im Schlosspark.

Zweimal 250 Kinder zwischen 8 und 13, unterstützt von Betreuern, Experten, Sponsoren, haben für je eine Woche die Zeltstadt bezogen. Um im täglichen Wechsel über die Arbeitsagentur dutzendfach angebotene Berufe zu ergreifen: Mannigfaltig Künstlerisches, im Rathaus, in (Köhler’s Land-)Bäckerei, in der Schreinerei, beim Arzt, den die Polizisten - dank Kettcars mobil wie BGV-Versicherungsvertreter - zum Einstellungscheck aufsuchten.

Eine junge Standesbeamtin traute ein nur wenig älteres Paar. Ein Gros der verdienten und bei der unter Anleitung von Azubis mit Konten betriebenen Volksbank abgeholten Karlos, die eigene Währung, landete im kompakten Lidl. Vor allem für Süßes. Das wurde rationiert und verteuert im Sinne der Gesundheit. Von der Politik unterstützt oder angewiesen. Das führte zu Demos, die Führung blieb hart.

In der Druckerei gefertigte Stimmzettel brachten, nachdem die Erklärung der Geheimwahl einem Kollektivsturm folgte, in der zweiten Woche den adretten und redegewandten David ins Bürgermeisteramt: „Bei Wünschen und Fragen können die Bürger gern zu mir kommen. Dann versuchen wir, das in die Tat umzusetzen.“ Gehaltserhöhungen wurden jedoch bei gesichertem Mindestlohn untersagt.

Zuerst hieß es im Wahlkampf ständig: doppelter oder dreifacher Lohn für Alle. Am Ende siegten die Vernunft und David. Als Ausdruck der Gleichberechtigung bildete der kleine Sonnenschein Amina als Bürgermeisterin mit ihm eine Doppelspitze und traf dann mit fünfköpfigem Stadtrat Beschlüsse.

OB Dr. Frank Mentrup, der den Kandidaten noch geraten hatte, nicht zu viel zu versprechen, und BM Dr. Martin Lenz waren bei ihren Besuchen begeistert, wurden von Fachkräften des Reisebüros herumgeführt, von schreibenden, knipsenden, filmenden Journalisten umlagert: darunter Kinderradio und Karlopolis Neueste Nachrichten, betreut von Neue Welle und BNN.

Ob der vermeintliche Diebstahl aus der Stadtkasse oder der Brand bei der Kfz-Werkstatt (Graf Hardenberg stellte zwei Autos und Material), zwischen Airbrush-Lackiererei und Führerschein-Teststrecke: Es war immer was los, während ohnehin emsig geschuftet wurde, die Kinder kaum pausieren wollten. Wegen zu langer Schlangen in der Bank entschied die Spielleitung, dass je ein Delegierter alle Gehälter annimmt.

Zu eisernes Sparen verursachte Pleiten. Auch das ließ sich richten - wie die von der Stadt in Auftrag gegebene Pyramide auf dem Marktplatz neben dem Festzelt, wo unter anderem Artistinnen wirbelten und die Hymne „Viva Karlopolis“ lauthals erklang. Der Stadtplan wurde ständig für Straßennamen und Betriebe angepasst.

Organisator Daniel Apfelbaum vom federführenden Stadtjugendausschuss zog sehr zufrieden Bilanz: „Wir sind überwältigt, wie schnell die Kinder alles erfasst und umgesetzt haben.“ So freuten sich Deborah und Hannah, sonst in der Stadtgärtnerei tätig, wie beliebt das Gemüse war, staunten Experten des KIT-Instituts für Fördertechnik und Logistiksysteme über die Selbstverständlichkeit, mit der Roboterfahrzeuge gebaut und gesteuert wurden. Mangels Telefon führten die Erfinder Seilpost ein.

Die Grundstruktur basierte auf Gruppen, und deren Reihenfolge bei der Berufswahl für den nächsten Tag wechselte. Wer nichts Passendes fand, konnte einen eigenen Betrieb gründen. So entstand am freien Platz neben Fahrradwerkstatt und Schönheitssalon eine Cocktailbar. „Kinder an die Macht“, sang Herbert Grönemeyer - in Karlopolis wurde wahr, wie gut das funktioniert. „Sie berechnen nicht, was sie tun (...), kennen keine Rechte, keine Pflichten“, heißt es im Lied. Die Jungen und Mädchen von Karlopolis lernten sie, errichteten, belebten und bewahrten ihre eigene Gesellschaft samt Ordnung. -mab-

 
 

Zur Übersicht der Wochenausgabe