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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 11. März 2016

Erinnerungskultur: In Stadtgesellschaft zurück bringen

DEM VERGESSEN ENTREISSEN: OB. Dr. Frank Mentrup enthüllte zusammen mit Dr. Maria Rave-Schwank und Matthias Mergner (l.) auf dem Hauptfriedhof  die neue Infotafel über Euthanasieopfer. Foto: Fränkle

DEM VERGESSEN ENTREISSEN: OB. Dr. Frank Mentrup enthüllte zusammen mit Dr. Maria Rave-Schwank und Matthias Mergner (l.) auf dem Hauptfriedhof die neue Infotafel über Euthanasieopfer. Foto: Fränkle

 

Infotafel auf Hauptfriedhof erinnert an das Schicksal von Opfern der Euthanasie

Zahlreiche Anlagen auf Friedhöfen dienen zur Mahnung, stehen als Wächter trauriger Gewissheiten. Wie auf dem Ehrenfeld B2 des Hauptfriedhofs die 1965 von Carl Egler geschaffene Skulptur „Tor des Schmerzes“ und das Mahnmal für die Opfer der Euthanasie.

Dieser Begriff steht für die Ermordung von 250.000 Patienten der Psychiatrie in Deutschland von 1939 bis 1945. Aus Karlsruhe stammten 450 von ihnen. In der NS-Ideologie, waren Menschen mit psychischer Erkrankung oder geistiger Behinderung „Ballastexistenzen“, lagen der Volkswirtschaft auf der Tasche, mussten weg. Allein bei der Aktion „T4“ töteten die Nationalsozialisten von 1940 bis 1941 mehr als 70.000 Patienten durch Gas. In sechs Tötungsanstalten. Dazu gehörte Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Dort fanden 10.650 Menschen ihren grausamen Tod, 14.500 im hessischen Hadamar.

Die Namen von 38 Karlsruherinnen und Karlsruhern, die in Grafeneck oder Hadamar vergast wurden, klangen am vergangenen Samstag bei einer Gedenkfeier über das Ehrenfeld. Das Verlesen der Namen und des Tötungsdatums erinnerte an sie, rief sie als einst in Karlsruhe lebende Menschen ins Gedächtnis. Über das Schicksal der Opfer informieren will vor allem auch die neue Tafel neben Skulptur und Mahnmal, die OB Dr. Frank Mentrup bei der Veranstaltung enthüllte.

Es gehe nicht nur darum, einen rechtlichen Rahmen zu haben, der solche Verbrechen verhindere, betonte Mentrup bei der Enthüllung der von der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) initiierten Säule. Wichtig sei vor allem „eine gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir mit Behinderung oder Krankheit umgehen“, sieht der OB die Inklusionsdebatte auch als „Spätfolge der Ausgliederung psychisch kranker oder behinderter Menschen“ bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg in Anstalten außerhalb von Städten und Gemeinden.

Unabdingbar sei, die fatale Tradition zu verwerfen und diesen Menschen ihren angestammten Platz „in der Mitte der Gesellschaft“ zu geben. Mentrup: „Krankheit oder Behinderung darf niemals Grund für Ausgrenzung sein“. Und im Blick auf die Opfer gelte es, das Schweigen zu durchbrechen, sie mit Namen und Biografie wieder in die Stadtgesellschaft zurückzuholen. Auch Aufgabe in den Familien: Matthias Mergner, Angehöriger eines Opfers, schilderte im Gespräch mit Dr. Maria Rave-Schwank (DGSP), wie er das Schicksal seiner Urgroßvaters Johannes Hohl aus dem Vergessen holte. -trö-

 
 

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