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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 29. April 2016

Kultur: Geschichte der Bilder erforschen

SELBSTBILDNIS von Käthe Kollwitz aus der Sammlung Haymann. Foto: bpk/SKk

SELBSTBILDNIS von Käthe Kollwitz aus der Sammlung Haymann. Foto: bpk/SKk

 

Schau zur Sammlung Haymann und neue Reihe zur Provenienzforschung in Kunsthalle

Krank und altersschwach stellte sich Lovis Corinth kurz vor seinem Tod in einer Kaltnadelradierung dar. Die eindrucksvolle Grafik findet sich in der bis 3 Juli laufenden Schau „Erworben aus „jüdischem Vermögen“. Grafische Blätter der Sammlung Haymann“ in der Kunsthalle.

Zu sehen sind eine Auswahl, ein Kunstbuch (Jugendstil-) Design von Friedrich Adler und Dokumente. Die insgesamt 75 Werke, etwa von Max Beckmann, Otto Dix, Erich Heckel, Lyonel Feininger, Alexander Kanoldt oder Käthe Kollwitz versammeln das Who ist Who des Im – und Expressionismus wie der Neuen Sachlichkeit. Zusammengetragen hatte sie der jüdische Nervenarzt Hermann Haymann zwischen 1920 bis 1938 in Zeiten eines wahren Grafikbooms. Aus echtem Kunstinteresse, nicht wie vielfach üblich, zur Geldanlage. Von den Nazis nach seiner Flucht in die USA konfisziert, rettete der damalige Kunsthallendirektor Kurt Martin die als „entartet“ bedrohten Werke mit der Übernahme wahrscheinlich vor der Vernichtung.

Gefunden hat die Provenienzforscherin der Kunsthalle, Dr. Tessa Rosebrock, die wegen der unüblichen Bibliothekssignatur des Corinth auf die Fährte Haymanns gestoßen war, außerdem in Israel seine Erbin, die 97-jährige Rina Lior Alexander, Tochter Friedrich Adlers. Sie ermöglichte nun den Ankauf von acht Mappen sowie des Kunstbuchs, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und an ihren Lieblingsonkel zu erinnern. 1951 hatte der zwar einen Großteil seiner Schätze wiederbekommen, aber wegen nicht einheitlicher Verzeichnung der Arbeiten blieb das nun aus Landesmitteln Erworbene unentdeckt in Karlsruhe.

Mit dem 15 Euro teuren Ausstellungskatalog legt die Kunsthalle gleichzeitig eine neue Buchreihe zur Herkunftsforschung auf. Laut Staatssekretär Jürgen Walter hat sich „die Stellung der Provenienzforschung in den letzten zehn Jahren massiv verändert“. Die kulturellen Institutionen sollen nun grundsätzlich die Herkunft ihrer Bestände durchleuchten. Das bedeutet, so Kunsthallenchefin Pia Müller-Tamm, dass „sich die interpretierende Kunstgeschichte zur historischen Disziplin entwickelt und ihre Objekte interdisziplinär in die jeweiligen Kontexte einbettet“. -cal-

 
 

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