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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 7. Oktober 2016

Kultur: Wer kann wie was wahrnehmen?

WAS RICHTIGES SEHEN IST, fragt William Kentridge mit Hilfe eines Spiegelzylinders, der eine Medusa und einen Lastenträger (hinten) verzerrt und so verschiedene Perspektiven eröffnet. Foto: MMG

WAS RICHTIGES SEHEN IST, fragt William Kentridge mit Hilfe eines Spiegelzylinders, der eine Medusa und einen Lastenträger (hinten) verzerrt und so verschiedene Perspektiven eröffnet. Foto: MMG

 

Ausstellung über Grafik von Albrecht Dürer und William Kentridge in Kunsthalle

„Double Vision“ – dem doppelten Blick widmet sich die Kunsthalle noch bis 8. Januar in ihrer in sieben Themen gegliederten Schau mit 110 Werken über den deutschen Renaissancemeister Albrecht Dürer und den Gegenwartsstar William Kentridge aus Südafrika.

Gemeinsam ist beiden ihre Vorliebe für schwarz-weiße Druckgrafiken, die sie in den verfügbaren Techniken bravourös beherrschen und erforschen, so Dürer plastisch, räumlich und expressiv  Holzschnitt, Kupferstich oder  Radierungen, Kentridge zudem Kohlezeichnung, Collage und Film.  Dahinter steht die Frage nach der individuellen Wahrnehmung. Dürer lotet Sinne, Gefühle oder Seelisches aus, bei Kentridge kommt außerdem die gesellschaftliche Auseinandersetzung zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung dazu.

Im Ausstellungsteil „Denkraum der Bilder“ steht Dürers Melancolia I für die Schwermut als Antrieb des kreativen Künstlers, konfrontiert mit den Rubrics, Gedanken, aus denen Kentridge  komplexe Arbeiten entwickelt. „Erinnerung ordnen und verorten“ beide durch geschichtliche oder politische Ereignisse. Dürer mit anderen Künstlern in dem riesigen Holzschnitt der Ehrenpforte, durch die Kaiser Maximilian Geschichte und Geltungsanspruch der Habsburger darstellen ließ. Kentridge visualisiert  anhand des Baumsymbols den Prozess der südafrikanischen Regierung wegen Landesverrats etwa gegen Nelson Mandela.

„Perspektiven eröffnen“ bedeutete für Dürer im überhaupt ersten Lehrbuch der Geometrie „Underweysung der Messung“ den Blick des  Individuums zum Ausgangspunkt der Perspektive zu machen. Kentridge verdeutlicht auch mit Spiegelglaszylindern den Anteil des Betrachters an der Seherfahrung. „Bildern folgen“ beide erzählerisch, Dürer in den 20 Holzschnitten des Marienlebens, Kentridge assoziativ mit immer neuen Formen in  seinen Notizen in Kupfer.

„Ungewisses Sehen“, also mehrdeutiges, findet sich in Dürers heiligem Hieronymus in anthropomorphen Naturdarstellungen, bei Kentridge in den Schattenbildern nach Platons Höhlengleichnis. Für  „Bilder auf Wanderung und in Verwandlung“  steht das Nashorn, als vielfach verbreitete und veränderte Ikone Dürers sowie als Symbol für Kolonisation, Apartheid und den Raubbau an der Natur bei Kentridge. Sein autobiografischer Film „Felix im Exil“ im Teil „Bildern folgen“ zeigt auch wie Landschaft Geschichte verbergen und schließlich vergessen kann. -cal-

 
 

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