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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 18. November 2016

Geschichte: Gedenkveranstaltung zur Reichpogromnacht: Individuen für Totalitäre gefährlich

NS-Richter Gerhard Caemmerer rettete Juden das Leben/Lesung im Tollhaus

Dr. Gerhard Caemmerer war Amtsgerichtsrat in Durlach und Mitglied der NSDAP. Aber dennoch aktiver NS-Gegner. Er pflegte in der Nazizeit Freundschaften mit Juden und rettete in den letzten Kriegswochen 1945 drei von ihnen vor dem sicheren Tod, weil er sie in einer Gartenhütte auf dem Turmberg versteckte.

Weil Caemmerer aber Parteimitglied war, folgte die amerikanische Militärregierung ihren strikten Direktiven und entließ ihn am 4. Oktober 1945 aus dem Dienst. Diese Anordnung empfand er als vollkommen ungerechtfertigt, er erhob Widerspruch. Aus diesem Grund kam es zu einem Gespräch mit dem Vertreter der Militärregierung, George J. Lasky, zu dem dieser auch den jüdischen Juristen Dr. Karl Eisemann hinzuzog. Eisemann war Leiter der Bezirksstelle Baden-Pfalz der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Caemmerer und Eisemann waren lange befreundet. Der Amtsrichter versteckte den jüdischen Kollegen sowie zwei seiner Mitbewohner eines Judenhauses und rettete sie so.

Für die traditionelle Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht, die alljährlich im Tollhaus veranstaltet wird, hat Jutta Berendes dieses Gespräch nachgezeichnet und von der Schauspielern Achim Thorwald (Caemmerer), Stefan Wancura (Lasky) und Christoph Köhler (Eisemann) vortragen lassen.

Lasky stellte Caemmerer und Eisemann teilweise sehr schwierige, an die Nieren gehende Fragen. Caemmerer musste sehr genau darlegen, weshalb er Mitglied der NSDAP und zweier Vorfeldorganisationen war, wie es zu einer frühzeitigen Beförderung kam. Und weshalb er trotzdem erklärter Gegner des Regimes war. Eisemann musste über seine Gewissensbisse berichten, als Funktionär Juden in Züge zu setzen, die sie zur Vernichtung fuhren. Am Ende des Gesprächs sagte Lasky: "Herr Dr. Caemmerer, ich hebe Ihre Entlassung auf und verfüge Ihre Wiedereinstellung." Caemmerer: "Wie kommt es, dass Sie so gut Deutsch sprechen?" - "Wäre ich nicht mit meinen Eltern emigriert, hätte mein Leben nur von Menschen mit Ihrem Mut gerettet werden können."

Kulturamtsleiterin Dr. Susanne Asche eröffnete die unter dem Talmud-Spruch "Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt" stehende Veranstaltung mit dem Hinweis, dass dieses Wort die Individualität des Menschen unterstreiche. Individuen seien aber für totalitäre Regime gefährlich. Mit den Caemmerers habe sich eine Familie als Individuen erwiesen. -erg-

 
 

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