Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt, Sprung zur Suchmaschine

Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 10. März 2017

Woche der Brüderlichkeit: Stetes Lernen notwendig

FORDERTE ZU STETIGEM LERNEN AUF: Die Rabbinerin Dr. Antje Yael Deusel (2.v.rechts) eröffnete die Woche der Brüderlichkeit. Foto: Fränkle

FORDERTE ZU STETIGEM LERNEN AUF: Die Rabbinerin Dr. Antje Yael Deusel (2.v.rechts) eröffnete die Woche der Brüderlichkeit. Foto: Fränkle

 

Liberale Rabbinerin Antje Yael Deusel hielt die Festrede

Das Motto der Woche der Brüderlichkeit 2017 lautet „Nun gehe hin und lerne“. Dieses entstammt einer Geschichte aus dem ersten Jahrhundert vor der Zeitenwende. Sowohl OB Dr. Frank Mentrup als auch die Festrednerin bei der Eröffnung der Karlsruher Brüderlichkeitswoche zitierten diese am Sonntagabend.

Die Bamberger Rabbinerin Dr. Antje Yael Deusel ist eine von weniger als zehn Rabbinerinnen in Deutschland. Sie wurde 2011 ordiniert. Neben ihrer geistlichen Tätigkeit ist sie Ärztin und Lehrbeauftragte für Judaistik an der Universität Bamberg.

Die Geschichte erzählt von einem Mann, der die Thora erklärt bekommen wollte, während er auf einem Bein steht. Rabbiner Schammai warf ihn mit einem Bauwerkzeug, einer Elle, hinaus, während Rabbiner Hillel ihm eine Lehrspruch sagt, der in vielen Religionen und Gesellschaften bis heute Gültigkeit hat: „Das, was Dir selber verhasst ist, das tue auch einem anderen nicht an.“ Dies sei die ganze Thora, alles andere sei Erklärung. Und forderte auf: „Gehe hin und lerne!“

Für Yael Deusel stellen Schammai und Hillel das orthodoxe und das liberale Judentum dar. Der eine verweist mit seinem Rauswurf auf Lernen und Tun, auf „gelebtes Judentum“, das sich in der Tat nicht in der Zeit erklären lasse, in der man auf einem Bein stehen könne. Denn Theorie alleine nütze nichts. Der andere hält sich nicht nur an die Regeln, sondern an das, was hinter den Regeln steht.

Lernen und anderen das nicht antun, was man selber nicht erleiden möchte, zog sich wie ein roter Faden durch die Ansprache von Deusel, auch mit Beispielen aus ihrer eigenen Vergangenheit. So ist sie als junges Mädchen in die Nürnberger Synagoge gekommen, wo der alte Synagogendiener Gebetbücher verteilte und an Neumondstagen jeden auf ein besonderes Gebet aufmerksam machte. Ihr „ich weiß“ quittierte er mit dem Hinweis, dass die „alles wissenden“ Jungen lernen könnten, was ihm als Lagerinsasse nicht vergönnt war, als er so alt war wie sie.

Besonderen Wert legte Deusel auf die Bedeutung der Frauen, die noch vor wenigen Jahrzehnten selbst pseudowissenschaftlich als minderwertig erachtet wurden.
Der katholische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der stellvertretende Stadtdekan Erhard Bechtold, meinte, er habe durch die Rede etwas gelernt. Und forderte, dass Frauen in seiner Kirche ins Amt berufen werden sollten.

Die Woche der Brüderlichkeit endet am Sonntag, 12. März um 11 Uhr mit einer Führung durch die Synagoge an der Knielinger Allee. Männer sollten ihre Köpfe bedecken. -erg-

 
 

Zur Übersicht der Wochenausgabe