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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 16. November 2018

Gedenken: Bildung als Schlüssel

Szenische Lesung zur Erinnerung an Pogromnacht / Aufklärer Moses Mendelssohn wies den Menschen Wege

Vorbild für Lessings „Nathan der Weise“ galt dem Aufklärer und Vorreiter der jüdischen Emanzipation, Moses Mendelssohn (1729 bis 1786), die Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November.

Unter seinem Leitsatz „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun“ hatte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) mit vielen anderen zur von Jutta Berendes erarbeiteten, szenischen Lesung in das Tollhaus eingeladen. Der katholische Pfarrer Erhard Bechtold bewertete Mendelssohns Antwort „Lernen“ auf die Frage des Berliner Torstehers, was der 14-Jährige aus Dessau in Berlin wolle, auch als Frage an uns, gegen neuen Antisemitismus zu halten.

In der Lesung mit Originaltexten, Kommentaren sowie zeitgenössischer Musik von Fasch, Graun und Bach, interpretiert von der Cembalistin Irene Müller-Glasewald und dem Cellisten Dmitri Dichtiar, zeigten die Schauspieler Mattes Herre als Mendelssohn und Stefan Viering als Moderator und in übrigen Rollen den steinigen Weg eines hochbegabten Menschen, der mit Sprache und Bildung als Schlüssel zu einem aufgeklärten Miteinander Brücken zwischen allen Menschen bauen wollte. Der sich vieles allein aneignen musste. Und erst einmal Grenzen in der engen, abgekapselten Berliner Gemeinde überwinden musste. Denn Deutsch oder gar weitere Sprachen wie die Sprache des Königs, Französisch, zu lernen, galt bei orthodoxen Juden als Ketzerei. Er studierte die jüdischen Schriften, Philosophen, lernt viele Sprachen und wird nach Anfängen als Bettelstudent Hauslehrer, später Buchhalter und Teilhaber eines Seidenfabrikanten.

Stets sucht er Kontakte zu geistig interessierten Menschen, schließt Freundschaften, so mit dem für ihn wichtigsten Menschen, dem Dichter Gotthold Ephraim Lessing, dessen Tod für ihn später der herbste Verlust wird und dem Verleger Friedrich Nicolai. Obwohl als Philosoph bewundert, fordert Johann Casper Lavater den gläubigen Juden trotzdem respektlos auf, zum Christentum zu konvertieren. Und einstimmig gewählt, verweigert ihm Friedrich der Große den Zugang zur Berliner Akademie. Diese Missachtung lässt ihn krank, jahrelang arbeitsunfähig werden, bis er mit der Übersetzung von Bibel und Psalmen ins Deutsche und seinem letzten, großen philosophischen Werk „Morgenstunden oder Vorlesungen über das Dasein Gottes“ erneut Glanzlichter setzt.

Gedenkfeier in Neureut

Auch in Neureut setzte man bei einer Gedenkfeier Zeichen für Toleranz. Gestaltet von den evangelischen und katholischen Gemeinden wie Fraktionen des Ortschaftsrates sagte Ortsvorsteher Achim Weinbrecht: „Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, dass wir auf das Gemeinsame schauen und dabei aus der Geschichte lernen!“ -cal-

 
 

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