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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 15. März 2019

Stadtgeschichte: „Wundere mich, dass ich noch lebe“

Die Feldpostbriefe präsentieren im Stadtarchiv (v.l.) Dr. Katrin Dort, Entdeckerin Eva Maria  Langensteiner und Dr. Ferdinand Leikam, Pfinzgaumuseum. Foto: Fränkle

Die Feldpostbriefe präsentieren im Stadtarchiv (v.l.) Dr. Katrin Dort, Entdeckerin Eva Maria Langensteiner und Dr. Ferdinand Leikam, Pfinzgaumuseum. Foto: Fränkle

 

Stadtarchiv erhielt 66 erschütternde Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg

Tagelang im Schützengraben, ohne etwas zu essen, furchtbarer Hunger, Kaffeekochen mit Leichenwasser, in der Januarkälte bis zum Bauch im Wasser, Granaten und Infanteriefeuer über den Köpfen, daneben unbegrabene Tote mit gebrochenen Augen, Sehnsucht nach der Familie, dem Frieden, aber auch Dank für viele Päckchen mit dem Nötigsten: Der Krieg ist „grässlich“, schrieb der Durlacher Fritz Giesecke und: „Ich wundere mich, dass ich noch lebe“.

Seine 66 Feldpostbriefe, gesandt an seine Familie zwischen dem 24. November 1914 und dem 22. Mai 1915 führen vor seinem Tod am 26. Mai selten deutlich wie im Zeitraffer die Grauen des gesamten Ersten Weltkrieges vor Augen. Und das zu einem Zeitpunkt, als „der Bewegungskrieg gerade erst in den Stellungskrieg überging“, so Archivchef Dr. Ernst Otto Bräunche. Gefunden hat die drastischen Schilderungen Gieseckes Nichte Eva Maria Langensteiner im Nachlass ihrer Cousine Elsa, der Tochter von Fritz. Geschrieben in Sütterlinschrift, hat Langensteiner sie transskribiert.   Vorgestellt beim Museumsabend des Freundeskreises Pfinzgaumuseum erkannte man ihre Brisanz und bot sie dem Stadtarchiv an.

Bräunche ist froh, die trotz des den Soldaten auferlegten  „Maulkorbes“ aussagekräftigen  Zeitdokumente  sichern zu können. So gelten mehrere Passagen ersten Einsätzen des von Fritz Haber entwickelten tödlichen Gases: „Wenn es uns gelingt, wie es projektiert ist, marschieren wir beim Sturm auf Zypern  über ein großes Leichenfeld“. Voraussetzung war, dass der Wind aus der richtigen Richtung blies, denn  „in dem Wind liegt nämlich unser Sieg“. Bräunche  wünscht sich noch weitere Funde aus der Bevölkerung. Er kann sich vorstellen, sie „in einem europäischen Projekt zusammen zu führen, denn Feldpostbriefe gibt es überall“. Wie Dr. Ferdinand Leikam vom Pfinzgaumuseums und Archivarin Dr. Katrin Dort sieht  er sie als wichtige Quellen, auch im Kontext  des Ausstellungsprojekts „Der Krieg daheim. Karlsruhe 1914 – 1918“. -cal-

 
 

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