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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 10. Mai 2019

Stadtgeschichte: Landauer vor 100 Jahren ermordet

GUSTAV LANDAUER, ermordeter Literat aus Karlsruhe. Foto: StA

GUSTAV LANDAUER, ermordeter Literat aus Karlsruhe. Foto: StA

 

Schicksal des pazifistischen Anarchisten Gustav Landauer

Als jüngster Sohn einer jüdischen Schuhhändlerfamilie 1870 in der Kaiserstraße geboren und aufgewachsen, verließ Gustav Landauer nach dem Abitur am Bismarck-Gymnasium 1888 seine Geburtsstadt. Mit dem Vater hatte er sich überworfen, von der Religion verabschiedet. Beeinflusst vom Mitkämpfer Martin Buber übernahm Landauer später in seinen bisweilen mystischen Anarchismus doch Anleihen aus dem Judentum.

1892 schloss sich der Student der Germanistik und Philosophie in Berlin dem aus der SPD ausgeschlossenen radikal linken Kreis „Unabhängiger Sozialisten“ mit dem Organ „Der Sozialist“ an. Bald wurde er als Vertreter des anarchistischen Flügels dessen Schriftleiter. Als Anarchist trat Landauer im Gegensatz zum sozialdemokratischen Ziel der Teilhabe an der Macht für einen freiheitlichen, antiautoritären Sozialismus ein. Gewaltdenken wie in der anarchistischen Strömung „Propaganda der Tat“ lehnte er strikt ab, ebenso den dogmatischen Vulgär-Marxismus, dem das Individuum gegenüber der Partei wenig galt. Ihm ging es um die Schaffung neuer, solidarischer Formen menschlicher Gemeinschaft.

„Staat ist ein Verhältnis“, schrieb er, „wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält“. 1892 hatte sich Landauer ohne elterliches Plazet verheiratet, lernte 1900 die Schriftstellerin Hedwig Lachmann kennen und ließ sich scheiden. Mit ihr gewann sein beruflich-schriftstellerisches Leben mehr Struktur.

Übersetzungen von Oscar Wilde und anderen stabilisierten seine Lebensverhältnisse. Statt einer schon feststehenden Dramaturgenstellung am Düsseldorfer Schauspielhaus, folgte er dem Ruf seines Freundes Kurt Eisner nach München, als dort 1918 drei Tage vor Berlin die Revolution siegte. Nach dessen Ermordung im Februar 1919 stellte Landauer sich als „Beauftragter für Volksaufklärung“ der neuen revolutionären Räteregierung zur Verfügung, zog sich aber nach politischen Querelen zurück. Von der Reaktion gehasst, wurde er beim blutigen Niederschlagen der Räterepublik am 2. Mai 1919 von der konterrevolutionären Soldateska verhaftet. Deren Angehörige schlugen ihm im Gefängnis Stadelheim Schädel und andere Knochen ein, dann erschossen sie ihn. -jsk-

 
 

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