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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 7. Juni 2019

Zeitzeugin: Judy Rosenberg kam nochmals in ihre Geburtsstadt

JUDY ROSENBERG bei OB Mentrup im Rathaus. Foto: MMG

JUDY ROSENBERG bei OB Mentrup im Rathaus. Foto: MMG

 

Stets tolerant sein

"Frage jetzt, wenn Du fragen willst, später ist es zu spät", forderte die 92-jährige Judy Rosenberg Schülerinnen und Schüler bei ihrem Besuch in Karlsruhe auf.

Und, "tolerant zu sein". Sie hasse zwar die Nazis, "aber warum sollte ich alle Deutschen hassen, wenn mein Großvater Deutscher war". Ihre Reise führte die wesentlich jünger wirkende Zeitzeugin jüdischen Glaubens  während ihres opulenten Besuchsprogramms in ihrer Geburtsstadt auch zu OB Dr. Frank Mentrup. Sie  erzählte, dass sie, nachdem sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern 1954 nach Kanada ausgewandert war, "für Jahre kein Deutsch mehr geredet hat". Aber ihr sie begleitender Enkel  Jason Oberlander habe sie ständig gefragt, sie aufgefordert: "Du musst sprechen!" Zehn Jahre dauerte es, bis der Film "Mischling" über sie und ihre Vergangenheit fertig war. "Ohne wäre ich heute nicht die gleiche Person". Geboren wurde sie als Judith Hirsch 1927. Ihr Vater Max führte mit seinem Bruder, dem mutmaßlich 1943 in Auschwitz ermordeten Fußballnationalspieler Julius Hirsch,  den  Sportartikelhersteller Sigfa. Ihre Mutter Lina, geborene Brotz, war Protestantin, was den beiden Töchtern Ruth und Judith nach 1933 den zunächst privilegierten Status von "Mischlingen" einbrachte.  Die Familie wohnte unter anderem in der Weinbrennerstraße 39 und zuletzt in der Marienstraße18. In der Pogromnacht 1938 wurde die Familie von einer Nachbarin vor der drohenden Deportation gewarnt, versteckte sich bei Verwandten und schickte die älteste Tochter mit einem Kindertransport nach England. Nach Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz zog die Familie nach München, wo der Vater Verwalter des Jüdischen Krankenhauses wurde und Judith Zwangsarbeit in einer Flachsfabrik leistete. Die späte Deportation nach Theresienstadt im Februar 1945 überlebten Max und Judith. Sie heiratete, bekam zwei Kinder und emigrierte, ein halbes Jahr später gefolgt von den Eltern. Dort starb die Mutter bald, während der Vater als Journalist in Montreal wieder Tritt fasste. -cal-

 
 

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