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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 26. Juli 2019

Reinhold-Frank-Vorlesung: Mit Mut beschützen, was man liebt

ENGAGIERT FÜR DAS GEMEINWESEN: Referent Prantl mit (v. l.) Pfarrer Keller, OB Mentrup und Staatssekretärin Schütz neben einem Andenken an Reinhold Frank in der vollen Stadtkirche. Foto: Fränkle

ENGAGIERT FÜR DAS GEMEINWESEN: Referent Prantl mit (v. l.) Pfarrer Keller, OB Mentrup und Staatssekretärin Schütz neben einem Andenken an Reinhold Frank in der vollen Stadtkirche. Foto: Fränkle

 

Pressefreiheit und Qualitätsjournalismus als Bausteine für Demokratie verteidigt / Reinhold-Frank-Vorlesung in der Evangelischen Stadtkirche mit Heribert Prantl

Attacken auf wesentliche Pfeiler des Rechtsstaats wie die Pressefreiheit lassen die Menschen in Karlsruhe nicht unberührt. Der Jurist, Journalist und Autor Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung stieß mit dem Vortrag „‚Lügenpresse auf die Fresse!‘“ – Was der Journalismus kann, warum er so wichtig ist und warum die populistischen Extremisten ihn verketzern“ bei der diesjährigen Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung auf so riesiges Interesse, dass der Umzug vom Bürgersaal in die Evangelische Stadtkirche notwendig war – und gelang: OB Dr. Frank Mentrup dankte Pfarrer Dirk Keller dafür.

Die Stadt erinnere jährlich an den Rechtsanwalt und Widerstandskämpfer, der sich „unter Einsatz des Lebens den nationalsozialistischen Ideen entzogen“ habe, zugunsten humaner, westlicher Werte, zitierte der OB den Historiker Michael Kißener. „Freiheit, Staat und Demokratie sind kein Naturzustand, sondern wollen verteidigt werden“, ergänzte Staatssekretärin Katrin Schütz.

Medien seien Foren kritischer Öffentlichkeit, die zivilisierten Streit offenbaren, Journalisten wie Prantl Seismografen. Der forderte mit den Worten der ebenfalls hingerichteten Geschwister Scholl: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt!“ Prantl erinnerte an das verankerte Recht auf Widerstand, machte sich für tägliche Zivilcourage und naturgemäß Pressefreiheit stark. Ziel bleibe die „anständige Behandlung aller Menschen“, wie es die Hitler-Attentäter des 20. Juli formuliert hatten.

Brandaktuell, da von Rechtspopulisten und US-Präsident Trump Flüchtlinge und Andersdenkende verketzerten. Prantl sieht eine bedrohliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Großwetterlage, eine „Wiedergeburt von alten Wahnideen und Idiotien, bedroht von gemeiner Rede und Tat (…), Verhöhnung von Anstand und Diplomatie“. Das dürfe man nicht phlegmatisch wie eine Naturgewalt ertragen, sondern müsse für eine demokratische Gesellschaft kämpfen, die mit Hilfe „der Zeitungen ihre Zukunft miteinander gestaltet“.

Als Lichtstunden für die Pressefreiheit wertete Prantl die Veröffentlichung der Panama und Paradise Papers, mit der erstmals eine weltweite Öffentlichkeit über schmutzige Geschäfte zu Lasten der Menschen und Staaten hergestellt worden sei. Weil Menschen spürten, dass sich der Zusammenhalt der Gesellschaft auflöse, es noch keine neuen Ideen und Ideale gebe, suchten sie „im Abfall der Geschichte nach alten“, unterstützen die Wiederkehr des Nationalismus, wollten „great again“ sein. Dagegen helfe Denken im Raum der Zeitungen, deren große Zeit in der Bundesrepublik mit der Spiegel-Affäre 1962 begonnen habe. Da sei eine kritische, von den Medien gebündelte Öffentlichkeit erwacht und nicht mehr eingeschlafen.

Kritisch bewertete er den durch die neuen Medien erzeugten Echtzeitjournalismus (Ticker), mahnte Qualitätsstandards wie Sorgfalt, Umsicht, gründliche Recherche, Differenziertheit, Achtung der Privatsphäre und Wahrnehmung verschiedener Standpunkte an, um stets Wahrheit zu liefern. Guter Journalismus sei Moderator und Motor für Veränderungen, die es brauche, um aufgedeckte Missstände abzustellen. „Glücklich ist, wer das, was er liebt, auch wagt, mit Mut zu beschützen“, konstatierte Prantl mit Ovid. -cal-

 
 

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