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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 15. November 2019

Gedenken Reichspogromnacht: Zäsur zwischen Demütigung und Massenmord

MAHNWACHE ZUR POGROMNACHT: OB Dr. Frank Mentrup besuchte diese abhaltende Neureuter Schülerinnen und Schüler. Foto: Homberg

MAHNWACHE ZUR POGROMNACHT: OB Dr. Frank Mentrup besuchte diese abhaltende Neureuter Schülerinnen und Schüler. Foto: Homberg

 

Mahnwache an Synagogen-Platz, Lesung im Tollhaus

Wie viele andere jüdische Einrichtungen, wurde am 9. November 1938 auch die Karlsruher Synagoge in der Kronenstraße geschändet. Wie seit vielen Jahren war es wieder Teil der bewahrenden und aufbereitenden Tradition, dass Jugendliche zum Gedenken an Unrecht und Unglück mit Mahnwache vor dem Grundstück, auf dem die Synagoge stand, erinnern.

Eine Tafel hängt dort als Versuch, zu erklären, was in jener „Reichspogromnacht“, initiiert durch das NS-Regime, aber getragen von vielen Bürgerinnen und Bürgern, geschah. „Die jungen Leute sind sehr mutig“, meinte ein Besucher der Mahnwache, die 26 Schülerinnen und Schüler der 10 c der Realschule Neureut dieses Jahr aus organisatorischen Gründen bereits am vergangenen Freitag, 8. November, abhielten. Sie standen bei strömendem Regen vor der Gedenkstätte und verlasen während des gesamten Tages im Wechsel rund 1000 Namen Karlsruher Jüdinnen und Juden, die im Holocaust ermordet wurden. Für eine andere Besucherin waren die Re-gentropfen „die Tränen der Toten“.
Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup war auch wieder dabei und erinnerte daran, dass die Reichspogromnacht nur ein Teil vieler Erniedrigungen war, die jüdische Mitbürger in jenem Jahr – nach etwa den Nürnberger „Rassengesetzen“ von 1935 und als Vorstufe der Massenmorde – erfahren mussten. So hatten sie ab da besondere Kennkarten bei sich zu führen, die Zwangsvornamen Israel und Sara zu tragen, ihre Reisepässe abzugeben. Bald war der stigmatisierende Davidstern an die Kleidung zu nähen. Die Pogromnacht, so Mentrup, sei keine spontane Aktion gewesen, sondern systematisch vorbereitet worden. Er nannte auch Indizien dafür. So mussten etwa KZ-Leitungen schon einige Monate zuvor Häftlingskleidung mit gelbem Stern versehen. Der 9. November stellte eine Zäsur dar zwischen Demütigungen und Verfolgungen sowie millionenfachem Mord.
Mordechai Mendelson, Rabbiner der Synagoge „Chabad Karlsruhe“ in der Herrenstraße, lobte Georg Elser, der am 8. November 1939 und damit 80 Jahre vor dem Tag der jüngsten Mahnwache Adolf Hitler töten wollte. Mendelson sang ein Totengebet, während der neue Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde an der Knielinger Allee, Shlomo Jhudowitz, das Kaddisch als Gotteslob sang.

Vielfältige Gedenkkultur

Ebenso traditionell wie die Mahnwache ist der Gedenkabend, der stets am 9. November im Tollhaus veranstaltet wird. Kulturamtsleiterin Dr. Susanne Asche als Sprecherin des Arbeitskreises 9. November in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit begrüßte den WDR-Journalisten Lorenz S. Beckhardt, der aus seinem Buch „Der Jude mit dem Hakenkreuz – meine deutsche Familie“ las. Die Familiengeschichte der Beckhardts und die Geschehnisse um jüdisches Leben im nationalsozialistischen Deutschland weisen bemerkenswerte Parallelen zur heutigen Zeit auf. Stolpersteine benennen die letzten frei gewählten Wohnhäuser von unter NS-Herrschaft Verfolgten. Der Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“ hatte zum 9. November auch zu einem Reinigungsrundgang für zahlreiche Stolpersteine gebeten. -erg-

 
 

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