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Karlsruhe: Presseportal

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6. September 2021

Ein Leben für die Waldmenschen

Paula Venzke, Dr. Clemens Becker, Dr. Simone Schehka, Neil Bemment und Miriam Göbel

Paula Venzke, Dr. Clemens Becker, Dr. Simone Schehka, Neil Bemment und Miriam Göbel

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Dr. Clemens Becker und Dr. Simone Schehka

Dr. Clemens Becker und Dr. Simone Schehka

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Becker besuchte Willie Smits auf Borneo

Becker besuchte Willie Smits auf Borneo

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Zoo Karlsruhe: Dr. Clemens Becker gibt Zuchtbuch für Orang-Utans nach 40 Jahren ab

Insgesamt 40 Jahre wurde die Zucht von Orang-Utans durch Dr. Clemens Becker koordiniert. Jetzt wechselt die Verantwortung des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) vom stellvertretenden Zoodirektor in Karlsruhe nach Münster. Dort kümmert sich fortan Dr. Simone Schehka mit einem Team um das Zuchtbuch.

"Noch nie in der Zoogeschichte wurde ein Zuchtbuch so lange aus einer Hand geführt", betont Karlsruhes Zoodirektor Dr. Matthias Reinschmidt. "Und mit den Orang-Utans ist es dazu noch eines der besonders wichtigen. Wir sind unheimlich stolz darauf, dass Karlsruhe so lange europaweit untrennbar mit der Erhaltungszucht der drei stark bedrohten Menschenaffenarten verbunden war." Der heutige Zoodirektor kennt Becker bereits seit 1986, Reinschmidt war damals als Praktikant bei Becker. Beide sind bis heute befreundet.

Ertes Zuchtbuch während Doktorarbeit

Noch während seiner Doktorarbeit hatte Becker 1982 das erste Zuchtbuch herausgebracht. "Es gab damals nur ein internationales Zuchtbuch, das alle zehn Jahre von Marvin Jones aus dem Zoo San Diego veröffentlicht wurde", erinnert sich Becker. Das sei aber für die Arbeit der Zoos durch die extremen Zeitabstände nicht hilfreich gewesen. "Obwohl ich damals in keinem Zoo angestellt war, habe ich das dann ganz frech in die eigene Hand genommen."

Dass der 1954 in Osterburken im Neckar-Odenwald-Kreis geborene Becker sich einmal so auf dem großen europäischen Zooparkett bewegen würde, war nicht selbstverständlich. "Ich war ein richtiger Landbub – mit einem großen Hang zur Natur und Tieren", erzählt er. Es sei ein großes Glück gewesen, dass er auf das Gymnasium gehen durfte. Das war auf dem Land damals eher unüblich. Bereits in der Schule wurde ihm klar, dass er Biologie studieren wollte, was er 1975 in Heidelberg begann. Einer der damaligen Dozenten, Prof. Karl-Heinz-Möller, hatte beste Beziehungen zu allen möglichen Zoos. Mit ihm unternahmen die jungen Studenten teils wochenlange Exkursionen in Tiergärten. Zudem lehrte damals auch Rosl Kirchshofer in Heidelberg, die gleichzeitig die Zoopädagogik im Zoo Frankfurt leitete. Durch sie bekam Becker die Möglichkeit, im Rahmen seines Studiums eine Verhaltensstudie bei Orang-Utans in Frankfurt zu machen.
"Dabei konnte ich beobachten, wie ein neu geborenes Jungtier, dessen Mutter erkrankte, von einer anderen Orang-Utan-Mutter angenommen und gesäugt wurde. Als die Mutter dann wieder gesund war, wurde das Jungtier wieder zurück gegeben", sagt Becker, den diese Beobachtung noch bis heute fasziniert. Ab da war er den Waldmenschen, wie die Orang-Utans auch genannt werden, verfallen.

Fokus auf Menschenaffen

Die Abschlussarbeit seines Studiums drehte sich ebenfalls um die Menschenaffen, Becker machte Verhaltensstudien zum Spielverhalten der Orang-Utans. Dazu war er in den Zoos von Frankfurt, Köln, Krefeld und Stuttgart. Die Arbeit über das Objekt- und Sozialspiel brachte ihm die Note 1,0 ein. Und er entschloss sich, seine Studien auf eine Promotion auszuweiten. Für die Doktorarbeit bereiste er 25 Zoos und beobachtete dabei 150 Tiere, verglich Bonobos und Orang-Utans. Die Promotion wurde ein großer Erfolg. Neben der erneuten Traumnote 1,0 konnte er seine Arbeit auch als Buch herausbringen. Das Vorwort dazu schrieb kein geringerer als Prof. Bernhard Grzimek, der wohl bekannteste Zoodirektor aller Zeiten.

"Ich hoffe, dass seine bemerkenswerten Untersuchungen dazu beitragen, die Lebensbedingungen der Menschenaffen in Zoologischen Gärten weiter zu verbessern", heißt es im Geleitwort Grzimeks. Es dauerte aber knapp zwei Jahre bis zu einer ersten Festanstellung in einem Zoo für Becker. Bis dahin volontierte er in den Zoos von Berlin, Köln und Kronberg. Trotz bester Arbeitszeugnisse und Empfehlungen hatten ihm einige Entscheidungsträger in der Zoowelt seine forsche Herangehensweise bei der Herausgabe der jährlichen Zuchtbücher krumm genommen. Im Sommer 1985 war es dann aber soweit und Becker konnte als Kurator im Zoo Karlsruhe seinen Dienst antreten. "Ab dem Moment war ich dann auch als Herausgeber der Zuchtbücher in der Zoowelt akzeptiert", berichtet Becker.

Durch seine Studien hatte er beste Kontakte in alle Zoos und konnte fortan aus Karlsruhe, wo noch nie Orang-Utans gehalten wurden, die europaweite Zucht koordinieren. "Damals wurden die Unterarten noch wild untereinander gekreuzt. Das zu beenden und und keine weiteren Hybriden mehr in den Zoos zu züchten, war ganz wichtig", sagt Becker. Heute ist durch Gen-Analysen klar, dass es sich nicht nur um Unterarten handelt, sondern um drei völlig eigenständige Arten. "Heute wird nur noch artenrein gezüchtet, dabei versuchen wir, den Genpool möglichst groß zu halten", erläutert Becker. In der Haltung habe sich unheimlich viel verändert. Während es zu Beginn seiner Tätigkeit kaum Spielmaterial für die Tiere in den Anlagen gab, ist das heute Standard. Auch die sterilen und gekachelten Gehege gehören der Vergangenheit an. Heute gebe es bei Neubauten multifunktionale Einheiten, die auch die Eigenarten der Tiere und ihr Sozialverhalten berücksichtigen.

Reise nach Borneo

Reisen in die Ursprungsländer haben Beckers Horizont ebenfalls erweitert: "Mitte der 90er Jahre war ich bei Willie Smits, der in einer Auffang- und Auswilderungsstation für Orang-Utans auf Borneo arbeitete. Dort habe ich viel über das Körperverhalten und die Gesichtsausdrücke gelernt. Zudem wurde mir dabei auch klar, wie weit die Naturzerstörung bereits ist." Die Lebensräume für die Menschenaffen wurden immer kleiner. Bis heute hat sich das leider fortgesetzt. Für Becker war zudem klar, dass sich die Zoos in der Erhaltungszucht der Tiere engagieren müssen, aber auch der Schutz der Habitate durch die Einrichtungen gefördert werden muss. Durch die Artenschutzstiftung Zoo Karlsruhe wird seit einigen Jahren neben anderen Projekten die Arbeit von Willie Smits im "Sintang Orangutan Center" finanziell stark gefördert.

Eine gute Zukunftsregelung für das EEP zu finden, war Becker, der Ende 2022 mit dann knapp 69 Jahren im Zoo in Ruhestand geht, unheimlich wichtig. Mit Dr. Simone Schehka, bereits seit 2016 Vize-Koordinatorin, ist es Becker gelungen, eine Nachfolgerin zu finden, die sich ebenfalls für die Waldmenschen begeistert und als Zoodirektorin im Allwetterzoo Münster jetzt an der Spitze des Zuchtbuchs mit etwa 340 Tieren steht. Becker bleibt bis zu seinem Ruhestand noch mit im Team, in dem auch Neil Bemment, Miriam Göbel und Paula Venzke sind.
"Es ist eine neue Generation jetzt am Werk. Ich empfinde es als sehr guten Übergang, bin beruhigt und zufrieden, was die Zukunft dieses Erhaltungszuchtprogramms angeht", betont Becker. "Wir sind schon seit vielen Jahren befreundet und die Zusammenarbeit war immer wertvoll und toll. Umso mehr bin ich dankbar und geehrt, dass ich in die Fußstapfen treten darf", ergänzt Schehka.