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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 30. Mai 2014

Verfassungsgespräch: Wandel des Familienbildes verändert die Gesellschaft entscheidend

VERFASSUNGSGESPRÄCH: (v. l.) Dr. Volker Jung, Anngret Kramp-Karrenbauer, Jörg Schönenborn, Reinhard Kardinal Marx, Volker Beck und Prof. Dr. Anne Röthel Foto: Fränkle

VERFASSUNGSGESPRÄCH: (v. l.) Dr. Volker Jung, Anngret Kramp-Karrenbauer, Jörg Schönenborn, Reinhard Kardinal Marx, Volker Beck und Prof. Dr. Anne Röthel Foto: Fränkle

 

Schutzbedürftigkeit von Ehe und Familie ausgelotet / Kulturwandel braucht Zeit / Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften

"Der Schutz von Ehe und Familie ist nicht nur durch finanzielle Hilfe sondern auch durch unterstützende Strukturen zu schaffen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Kinder- und Pflegephase muss weiter entwickelt werden." Dieses Resümee zog Moderator Jörg Schönenborn nach dem 14. Karlsruher Verfassungsgespräch am 22. Mai zum Thema "Gesellschaft im Umbruch: Wie viel Schutz brauchen Ehe und Familie?"

Diskutiert hatten den Wandel des Familienbildes und notwendige Konsequenzen auch hinsichtlich des Kindeswohls eine illustre Runde aus Politik, Recht und den Kirchen. Als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sah bei seiner Begrüßung OB Dr. Frank Mentrup die Unterstützung von Familien. Zu leisten sei sie etwa durch Wertschätzung und finanzielle Anerkennung, bezahlbare Wohnungen, Kinderbetreuung, soziale und kulturelle Teilhabe oder psychologische Hilfen.

Beseitigt werden müsse die Armutsgefährdung von kinderreichen Familien und alleinerziehenden Müttern. Letztere läge inzwischen bei 40 Prozent bestätigte der Präsident des Bundesverfassungsgerichts und Schirmherr Prof. Dr. Andreas Voßkuhle. Als Hauptproblem bewertete er die "sinkende Bereitschaft, auf Dauer feste Bindungen einzugehen und aufrecht zu erhalten". Der durch Artikel 6 des Grundgesetzes institutionalisierte Schutz von Ehe und Familie spalte und eine die Gesellschaft.

Der Artikel sei offen genug, ihn realitätsgerecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften weiter zu entwickeln, konstatierte Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Das Kindeswohl müsse über Kinderrechte stärker im Grundgesetz verankert werden. Er plädierte für die vom Bundestag ebenfalls am 22. Mai beschlossene Verbesserung des Adoptionsrechts für eingetragene Lebenspartnerschaften. Gleichgeschlechtliche Partner und Partnerinnen dürfen jetzt das Kind des und der anderen adoptieren. Jung forderte zudem das Ehegattensplitting zu überprüfen und Alleinerziehende besser zu fördern.

Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofkonferenz, bewertete   "ohne Diskriminierung"  Mutter und Vater sowie eine qualitätsvolle Erziehung, gesichert durch bessere Gehälter für Erzieherinnen als wichtig für die Kindesentwicklung. Greife die Familie nicht mehr, wenn es dem Menschen schlecht gehe, beispielsweise in langen Pflegezeiten, ist das "verheerend für die Gesellschaft." Der beschleunigte Kapitalismus dürfe nicht die Lebensrhythmen der Menschen bestimmen. Die Vorteile des Ehegattensplittings zu "kappen und das Geld für Kinderbetreuung und -förderung auszugeben", verlangte Volker Beck (Grüne). Sittenwidrig sei das Eherecht,  nach dem bei Scheiterten einer Ehe nach drei Jahren der Unterhalt eingestellt werde und so einst gemachte Zusagen zum Nachteil des Schwächeren nicht eingehalten werden. Das Ehegattensplitting beizubehalten und auf Lebenspartnerschaften zu übertragen, schlug die Ministerpräsidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer vor. Neben dem Elterngeld als Lohnersatzleistung verwies sie auf 148 weitere Familienleistungen des Staates. Es fehle an einer Gesellschaftskultur, die den Menschen nicht als bindungslosen Single sondern als Familienmenschen begreife. Auch im internationalen Rechtsvergleich, so die Hamburger Juraprofessorin Dr. Anne Röthel, funktionierten Veränderungen nur, wenn Schichten von Kulturen darunter lägen. Es brauche eine Generation von Kindern, die erlebten, dass ihr Eltern arbeiteten, erzögen  und pflegten. -cal-

 
 

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