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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 7. November 2014

Kultur: Völlig losgelöst von allem

MIT „PICCOLA SISTEMA“ war Barucello jüngst bei der Biennale. Es zeigt eine Art Labor mit Modellen und Tinkturen. Foto: Fränkle

MIT „PICCOLA SISTEMA“ war Barucello jüngst bei der Biennale. Es zeigt eine Art Labor mit Modellen und Tinkturen. Foto: Fränkle

 

Barucello im ZKM / Große Retrospektive

In loser Reihenfolge präsentiert das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) vergessene Künstler. Bis 29. März gilt es im Museum für Neue Kunst den mittlerweile 90-jährigen italienischen Multimediakünstler Gianfranco Barucello wiederzuentdecken.

Seine „Certain ideas“, so der Ausstellungstitel, ziehen sich durch ein mehr als fünf Jahrzehnte umfassendes Schaffen. Die Schau zeigt Werke von 1957 bis heute, darunter Malerei, Fotografie, Filme, Schaukästen und Installationen wie etwa seinen jüngsten Biennale-Beitrag  „Piccolo Sistema“ (Kleines System), eine Art Labor mit Versuchsanordnung. Sein vielgestaltiges Werk sei „antimonumental“ und erfordere Zeit, sagte Dr. Andreas Beitin, der die zuvor im den Hamburger Deichtorhallen gezeigte Präsentation gemeinsam mit ZKM-Chef Peter Weibel kuratierte. Das Werk erschließe sich nicht auf den ersten Blick, sei hintergründig, rätselhaft.

Baruchello zählte in den 60er und 70er Jahren zur Avantgarde. Leichte Konsumierbarkeit von Kunst war seine Sache nicht, Kunst sollte kritisch, politisch und gesellschaftlich relevant sein. Typisch für Barucello: Als „Gegenentwurf“ zur Pop-Art, die immer größer, bunter und schriller wurde, ließ er seine Darstellungen so schrumpfen, dass sie im übertragenen und tatsächlichen Sinne genaues Hinsehen erforderten.

Kleine Zeichnungen, winzige Notizen und Bildschnipsel vereinen sich auf großen, weiß getünchten Bildflächen zu einem skurrilen Kosmos. Mit Marcel Duchamp verband ihn eine enge Freundschaft. Wie er stellte er den gängigen Kunstbegriff radikal in Frage und sah bereits in der Auswahl eines Gegenstands ein künstlerisches Werk. Eingeschweißte Lebensmittel etwa oder landwirtschaftliche Produktionsprozesse.

Um Kunst, Leben und ökologisches Bewusstsein zu verzahnen, gründete er 1973 bei Rom die Künstlerkommune „Agricola Cornelia“, betrieb Ackerbau und Viehzucht, experimentierte, schrieb. Zur Ausstellung ist in englischer Sprache ein 500-seitiger Katalog erschienen. Er steht im ZKM-Shop bereit. -maf-

 
 

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