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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 26. Dezember 2014

Kultur: Lynns radikaler Kosmos

DIE INSTALLATION „THE INFINITY ENGINE“ zeigt Fotos und Filme zu neuesten Errungenschaften der Zell- und Molekularbiologie sowie gentechnisch veränderter Organismen. Foto: Bastian

DIE INSTALLATION „THE INFINITY ENGINE“ zeigt Fotos und Filme zu neuesten Errungenschaften der Zell- und Molekularbiologie sowie gentechnisch veränderter Organismen. Foto: Bastian

 

Medienkunst-Pionierin Lynn Hershman Leeson mit Retrospektive im ZKM

Lynn Hershman Leeson irritiert. So sehr, dass das Berkley-Museum einigen ihrer frühen Arbeiten Anfang der 60er Jahre den Kunststatus absprach und sie entfernte. Mittlerweile ist die Pionierin der Medienkunst längst in den großen Ausstellungshäusern der Welt zuhause. Jüngstes Beispiel: das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM).

Es widmet der 1941 geborenen US-Amerikanerin bis 29. März eine erste umfassende Retrospektive. ZKM-Chef Peter Weibel sieht „die Zeit reif“, Hershman Leesons Arbeit „in ihrer sozialen und künstlerischen Relevanz zu erkennen“. Die Ausstellung zeigt, was die Künstlerin antreibt und welche Themen sie als Schlüssel zu gesellschaftlichen Fragestellungen konsequent verfolgt: die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine, die Konstruktion von Identität, Überwachung, die Beziehung zwischen Realem und Virtuellem sowie die Nutzung der Medien als Werkzeug gegen Zensur und politische Unterdrückung. Was sie anpackte war zu dieser Zeit neu. 1973 stellte sie mangels Alternative in einem schäbigen Hotelzimmer in San Francisco aus und warb dafür per Zeitungsannonce. Die Wachsköpfe der lebensgroßen Puppen waren Hershman Leesons Gesicht nachgebildet und dunkelbraun eingefärbt, um die Benachteiligung der Schwarzen in den USA zu geißeln.  Atemgeräusche kamen vom Tonband. Ein angetrunkener Besucher vermutete ein Verbrechen und alarmierte die Polizei, die alles kurzerhand konfiszierte.

Dieses Projekt wird in der Schau ebenso dokumentiert wie ihr wohl bekanntestes - „Roberta Breitmore“. Denn Hershman Leson lebte ein „Second life“ bevor dieser Begriff überhaupt existierte. In einem radikalen Rollenwechsel schuf sie sich eine zweite Identität und agierte während einer Langzeitperformance von 1973 bis 1979 als Kunstfigur in einer Parallelwelt. Wohnung, Kreditkarte, Führerschein und Männerbekanntschaften inklusive. Mit der multimedialen Installation „Infinity Engine“ (Unendlichkeitsmaschine), ihrer jüngsten Arbeit, setzt sie sich mit neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen auf dem Gebiet der Genetik und der regenerativen Medizin auseinander. Und mit Fragen nach ethischer Vertretbarkeit und Identität vor dem Hintergrund von Bioprint-Technologien zum Nachbau von Körperteilen und Gesichtserkennungssoftware. Durch eine Schleuse betreten Besucherinnen und Besucher eine Art Genlabor, dessen Wände mit Abbildungen gentechnisch veränderter Lebensmittel und Organismen tapeziert sind. Blickfang ist ein Aquarium mit genmanipulierten Fischen, die im Dunkeln leuchten. -maf-

 
 

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