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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 30. Januar 2015

Gedenkveranstaltung Nationalsozialismus: "Jeder ist selbst verantwortlich"

Der Militärhistoriker Wolfram Wette sprach über die Rolle der Polizei im NS-Staat

Mit der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus setzte sich der Freiburger Militärhistoriker Prof. Dr Wolfram Wette bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar im Ständehaussaal auseinander.

Zuvor hatte OB Dr. Frank Mentrup den Initiator des Gedenktages, Prof. Dr. Roman Herzog zitiert: „Es ist wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt". Der OB schloss daher ausdrücklich den Schutz von Flüchtlingen, von Muslimas und Muslimen wie von Sinti und Roma ein.

Ohne eine Vielzahl von Tätern, so Wette, hätten Holocaust und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion nicht geführt werden können. Nach 1947 habe sich das falsche, von milden Urteilen oder Freisprüchen der Spruchkammern unterstützte Bild einer „sauber gebliebenen Wehrmacht und Polizei in den Köpfen eingenistet". Heute gehe man von rund 200.000 Tätern aus, davon waren die meisten paramilitärisch organisierte Polizisten. Sie kamen aus allen Gesellschaftsschichten.

Aufgearbeitet wurde das erst ab 2008 mit dem Forschungsprojekt „Die Polizei im NS-Staat". Es folgte 2011/12 die Ausstellung „Nicht durch formale Schranken gehemmt". Danach ließen sich viele Polizisten von unbedingtem Gehorsam, Korpsgeist, Gruppendruck und Kameradschaft leiten, wie Wette am Beispiel des aus Waldkirch stammenden SS-Standartenführers Karl Jäger zeigte. Der hatte 1941/42 in Litauen 137.346 Morde an Frauen, Kindern und Männern organisiert und sie teilweise detailliert dokumentiert.

Ursprünglich Prokurist einer Firma für mechanische Musikinstrumente, wurde er in der Wirtschaftskrise arbeitslos, suchte jahrelang nach einer Stelle und ließ sich schließlich in Berlin auch ideologisch zum NS-Offizier ausbilden. Die Posener Ansprache (keine Befehle) von Holocaust-Cheforganisator Heinrich Heydrich, wonach es bei diesem Krieg auch darum ginge, die Juden im Osten zu vernichten, bestimmte fortan Jägers Denken und Handeln.

Tagsüber perfekt funktionierend, bekam er nachts Alpträume, als, so Wette, die "alte Moral" hochkam. Ohne seine Taten zu bereuen, beging er nach seiner Verhaftung 1959, "in Selbstmitleid versunken" Selbstmord. Wette berichtete aber auch über den Major eines Polizeikorps in Polen, der es seinen Untergebenen freigestellt hatte, an Erschießungen teil zu nehmen. Nur 14 von 400 meldeten sich und kehrten unbeschadet in die Heimat zurück.

„Die Zwangslage Befehlsnotstand gab es nicht", konstatierte Wette, niemand, der sich weigerte, wurde erschossen, allenfalls gab es Versetzungen oder Haft. Wettes Fazit: „Jedermann ist für seinen Gehorsam selbst verantwortlich, wobei die Grenzen stets erkannt werden müssen". Er zitierte den Auschwitz-Überlebenden und israelischen Kunstprofessor Yehuda Bacon: „Niemand ist absolut böse": Jeder habe einen Funken Menschlichkeit in sich, aber jeder müsse vorsichtig sein müsse, nicht in die Hölle abzurutschen. Der Abgrund sei da. -cal-

 
 

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