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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 13. Februar 2015

Historie: Schweigen quer durch Gesellschaft

Gedenktage im März erinnern an ermordete Karlsruher Psychiatriepatienten

Ursprünglich stand das griechische Wort „Euthanasie“ für den selbst gewählten "guten Tod". Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Begriff untrennbar verbunden mit der systematischen Ermordung von mehr als 250.000 Psychiatriepatienten und Menschen mit Behinderung durch die Nationalsozialisten.

Der „Aktion T4“ fielen ab 1940 auch rund 1.000 Karlsruherinnen und Karlsruher zum Opfer. Überwiegend starben die „Ballastexistenzen“, wie der Psychiater Alfred Hoche die Kranken bereits 1920 nannte, in Grafeneck in Württemberg, einem von sechs Vernichtungslagern.

„Karlsruher Psychiatriepatienten 39 - 45. Wo sind sie geblieben?“ ist die Überschrift für Gedenktage in Karlsruhe, die sich vom 6. bis 12. März gegen die Macht des Vergessens wenden. Initiiert von  der Regionalgruppe Karlsruhe der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP), die damit an den 75. Jahrestag des ersten Transports behinderter Menschen aus der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch nach Grafeneck erinnern will.

„In memoriam“ ist ab 6. März im Rathaus West eine Ausstellung überschrieben, die 1999 für den Weltkongress der Psychiatrie in Hamburg zusammengestellt und aktualisiert wurde. OB Dr. Frank Mentrup eröffnet die Schau, Historiker Thomas Stöckle hält einen Vortrag. Tags darauf steht ein Besuch des Ehrenfelds B2 auf dem Karlsruher Hauptfriedhof sowie ein Gespräch über Erinnerung im öffentlichen Raum mit Dr. Andrea Hoffend und Matthias Mergner, Urenkel eines Opfers, auf dem Programm.

Und am 12. März berichten Schülerinnen und Schüler des Lessing-Gymnasiums bei einer Gesprächsrunde über ihr Interview mit einem Opfer-Angehörigen. Das Thema ist mangels verwertbarer Daten kaum erforscht, wirft zahlreiche Fragen auf. „Verbergen und Verschweigen“ sei bei Psychiatern und Einrichtungen, Politik und Angehörigen, aber auch bei den Hinterbliebenen gang und gäbe gewesen, sagte Dr. Maria Rave-Schwank für die DSGP-Regionalgruppe bei einem Pressetermin im Rathaus West. Das erschwere Antworten und sei noch heute für die „hohe Selbststigmatisierung von psychisch Kranken“ verantwortlich.

„Das Schweigen ging durch die ganze Gesellschaft“ bestätigte auch Barbara Mechelke-Bordanowicz, Vorsitzende des baden-württembergischen Landesverbands der Angehörigen, erst 2010 habe sich die Psychiatrie für das Unrecht entschuldigt. -maf-

 
 

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