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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 13. März 2015

Geschichte: Den Opfern ihre Würde zurückgeben

DEM VERGESSEN ENTREISSEN: Unter dem „Tor der Schmerzen“ gedachte Bürgermeister Klaus Stapf (rechts) mit einer Gruppe von Karlsruherinnen und Karlsruhern am Samstag der Opfer der Euthanasie. Foto: Fränkle

DEM VERGESSEN ENTREISSEN: Unter dem „Tor der Schmerzen“ gedachte Bürgermeister Klaus Stapf (rechts) mit einer Gruppe von Karlsruherinnen und Karlsruhern am Samstag der Opfer der Euthanasie. Foto: Fränkle

 

Gedenktage für Karlsruher Psychiatriepatienten von 1939 bis 1945 beleuchten Euthanasie und Rolle der Fachmedizin

„Wo sind sie geblieben?“ fragen derzeit Gedenktage, die an die Ermordung seelisch kranker und behinderter Karlsruher in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern. Die Veranstaltungsreihe will die Opfer dem Vergessen entreißen, blickt aber auch auf die Rolle der Psychiatrie in der Zeit von 1939 bis 1945.

Im Zentrum der von der Regionalgruppe Karlsruhe der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie (DGSP) organisierten Veranstaltungen steht ein Begriff, der auch in aktuellen Diskussionen um Sterbehilfe oder Pränataldiagnostik immer wieder auftaucht. Euthanasie, das griechische Wort für leichten oder gar schönen Tod, pervertierte unter dem NS-Regime zum Deckmantel für die Ermordung von bis Kriegsende mehr als 250.000 Patienten der Psychiatrie.

Erwachsene wie Kinder: Sie waren für die Nationalsozialisten nach einem vom Psychiater Alfred Hoche geprägten Begriff „Ballastexistenzen“, Störfaktoren für die NS-Rassenideologie. Das „lebensunwertes Leben“ lag der Volkswirtschaft auf der Tasche - und musste weg.

Teil der Stadtgeschichte

Allein bei der Aktion „T4“ (Kürzel für die Zentraldienstelle Tiergartenstraße 4 in Berlin) töteten die Nationalsozialisten von 1940 bis 1941 mehr als 70.000 Patienten durch Gas. In reichsweit sechs Anstalten, Grafeneck auf der Schwäbischen Alb war eine davon. Dort fanden 10.650 Menschen ihren grausamen Tod, nannte Thomas Stöckle der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, vergangenen Freitag bei der Eröffnung der Veranstaltungsreihe, „schmerzende Zahlen“.

Zu den Ermordeten gehörten mehr als 450 Karlsruher. Sie wurden allerdings nicht aus der Fächerstadt in grauen Bussen zur Gaskammer gekarrt - Karlsruhe hatte damals keine Psychiatrie -, sondern kamen von den Kliniken in Wiesloch, Rastatt, Illenau, Sinsheim oder Mosbach aus in die Tötungsanstalt. Die badische Gauhauptstadt war dennoch alles andere als eine grüne Insel im braunen Meer.

Städtisches Krankenhaus, Diakonissenhaus und Landesfrauenklinik führten Zwangssterilisationen an „Erbkranken“ durch, Stadtmedizinalrat Dr. Kurt Weiß erhielt bereits 1936 die Erlaubnis zur Unfruchtbarmachung durch Strahlenbehandlung. Und am Schlossplatz war das Badische Innenministerium angesiedelt, das für die praktische Umsetzung des Mordprogramms zuständig war.

„Die nationalsozialistischen Verbrechen an seelisch Kranken und Behinderten sind auch Teil unserer Stadtgeschichte“, betonte denn auch OB Dr. Frank Mentrup bei der Eröffnung der Gedenktage und der Ausstellung „In Memoriam“. Für den Schirmherrn der Reihe ist es jetzt Aufgabe der Stadtgesellschaft, „noch viele Opfer dem Vergessen zu entreißen“.

Schuld und Verdrängung

Den ermordeten Patienten ihre Geschichte, ihre Namen, ihre Würde zurückgeben: Dieses Ziel hatte auch am Samstag eine Gedenkveranstaltung auf dem Hauptfriedhof. Unter dem 1965 von Carl Egler geschaffenen „Tor der Schmerzen“ und vor dem Gedenkstein an die Opfer der Euthanasie auf dem Ehrenfeld B2 gedachte eine Gruppe von Karlsruhern derjenigen, so Bürgermeister Klaus Stapf, „denen ihre Würde abgesprochen wurde“. Stapf erinnerte dabei aber auch an den „Verlust sämtlicher menschlicher Werte im Dritten Reich“, an die Komplizenschaft der Ärzte speziell in der Psychiatrie und an „die große Verdrängung nach 1945“.

Die Verstrickung der Fachmedizin in die Morde und das lange Zögern der Verbände, ihre Schuld einzugestehen, sah DGSP-Vorsitzender Dr. Friedrich Walburg auch als eine Mahnung an die Gesellschaft, „in der wieder über den Wert eines Menschen diskutiert wird.“

Den hohen Stellenwert von Erinnerungskultur und persönlicher Spurensuche arbeitete Historikerin Dr. Andrea Hoffend im Gespräch mit Matthias Mergner heraus. Der 43-Jährige deckte das Schicksal seines Urgroßvaters Johannes Hohl als Euthanasieopfer auf und setzte ihm vor seinem Wohnhaus am Karlsruher Weg in der Nordweststadt einen Stolperstein.

In Memoriam der Ermordeten

Insgesamt 24 Schautafeln geben im Rathaus West Einblick in die systematische Ermordung körperlich und geistig Behinderter sowie seelisch kranker Menschen im NS-Regime. Der frühere Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren Prof. Michael von Cranach konzipierte 1999 unter dem Titel „In Memoriam“ die Wanderausstellung, die schon in zahlreichen Städten zu sehen war.

Darin erläutern Texte die Hintergründe der Verbrechen, beschreiben die „Aktion T4“ wie auch die „Kindereuthanasie“. Bilder spiegeln die Geschehnisse wider. „Besonders beeindruckt“, so Dr. Maria Rave-Schwank von der DGSP-Regionalgruppe, die Hörstation mit Interviews von Zeitzeugen. Die Mitorganisatorin der Gedenktage leitete auch am gestrigen Donnerstag eine Gesprächsrunde mit Angehörigen der Opfer.

„In Memoriam“ ist bis 17. April montags bis donnerstags von 8 bis 12.30 Uhr zu sehen, donnerstags auch von 13.30 bis 17 Uhr. -trö-

 

 
 

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