Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt, Sprung zur Suchmaschine

Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 26. Juni 2015

Kultur: "Globale" begann mit "Tribunal"

TRIBUNAL: Die Konferenz erinnerte auch an die Bedeutung Karlsruhes als Sitz hoher Gerichte. Foto: Bastian

TRIBUNAL: Die Konferenz erinnerte auch an die Bedeutung Karlsruhes als Sitz hoher Gerichte. Foto: Bastian

 

Künstlerisch-wissenschaftliche Konferenz im ZKM

(res) Globalisierung und Digitalisierung sind die großen Themen des 21. Jahrhunderts. Sie stehen im Mittelpunkt der "Globale", die das ZKM bis April 2016 zeigt (siehe Beitrag oben). Zur Eröffnung dieser "neuen künstlerischen Manifestation" rückte das ZKM jedoch das vergangene Jahrhundert in den Blick.

Mit erschütternden Bildern und Fakten von Gewalt und Genoziden, Vertreibungen, Verfolgungen und Vernichtungen. Und verdient dafür größte Anerkennung, denn viele der Millionen Opfer sind - wie "K" aus Kafkas "Der Prozess" - hingerichtet worden ohne je einen Richter gesehen zu haben. "Das Tribunal - Ein Prozess gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhunderts" war die künstlerisch-wissenschaftliche Konferenz überschrieben, zu der das ZKM vom 19. bis 21. Juni rund 20 Referenten aus aller Welt eingeladen hatte. Zum Beispiel Norman Naimark, Professor für Geschichte an der Stanford University, der an die geschätzten 20 Millionen Menschen erinnerte, die Stalin hat umbringen lassen - durch Folter, Erschießungen oder Hunger. "Er musste sich nie dafür verantworten", wies Naimark darauf hin, dass viele befürchteten, ein Prozess hätte den Kalten Krieg verstärken können.

Die Teilnehmer der Konferenz, zu der das ZKM auch begleitend ein Filmprogramm zeigte, stellten die Frage: "Warum begehen Menschen solche Verbrechen, wie sind sie möglich?" Der Hamburger Künstler Lutz Dammbeck zeigte Ausschnitte seines neuen Films "Overgames", in dem deutlich wurde, dass die Theorie von der "kollektiven Paranoia der Deutschen", mit der nach dem Zweiten Weltkrieg versucht wurde zu erklären, warum sich so viele Deutsche an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt hatten, an ihre Grenzen stieß, als in Versuchen auch US-Bürger vermeintliche Probanden mit starken Stromstößen bestraften. Und auch Bilder von Abu Ghraib blitzten auf.

Bis spät abends dauerte am Freitag das Kongressprogramm, am Samstag bis zum späten Nachmittag, und am Sonntagmittag war es an HfG-Rektor Peter Sloterdijk das "Tribunal" zu beenden. Die Referenten waren während der Konferenz umgeben von digitalen Zeugen der Verbrechen: Auf Bildschirmen machten es Szenen von Krieg, Mord und Folter mitunter schwer, den Vorträgen zu folgen. Auf die Macht der Bilder setzte auch die begleitende Installation von Peter Weibel "Der kälteste Planet des Universums." Die Übersicht über 150 Massaker, Völkermorde, Bürgerkriege, Attentate und Terroranschläge war nichts für Zartbesaitete. Denn wer im Inneren des Panorama-Labs am Chronometer des Grauens drehte, sah Dinge, die so fern und doch so nah sind. Glücklich, wer einen Richter hat.

 
 

Zur Übersicht der Wochenausgabe