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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 16. Oktober 2015

Deportation nach Gurs: Erinnern verpflichtet für künftiges Handeln

ERINNERN: OB Mentrup im Gespräch mit Paul Niedermann und Rami Suliman (von rechts). Foto: Fränkle

ERINNERN: OB Mentrup im Gespräch mit Paul Niedermann und Rami Suliman (von rechts). Foto: Fränkle

 

Film mit Zeitzeuge Paul Niedermann zeigt Hunger und Elend im Internierungslager / Opfern Würde zurückgeben / Verschleppung vor 75 Jahren

Im Jahr 2015 feiert Karlsruhe nicht nur mit einem vielfältigen Veranstaltungsreigen den 300. Stadtgeburtstag, sondern erinnert auch an ein dunkles Kapitel der Geschichte. Vor 75 Jahren begann mit der Deportation in das Internierungslager Gurs für die meisten der jüdischen Mitbürger die Reise in den Tod.

Das Erinnern an die Vergangenheit sei vor allem auch „eine Verpflichtung für die Zukunft“, betonte OB Dr. Frank Mentrup, als er vor kurzem bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Deportation nach Gurs den Blick zurück in den Beginn des Holocaust vor Ort warf.

Fast 1.000 Menschen starben

Am 22. Oktobers 1940, an einem Festtag des jüdischen Laubhüttenfests, holten die Nationalsozialisten in Baden, im Saarland und in der Pfalz mehr als 6.500 Menschen aus ihren Häusern, trieben sie zu den Bahnhöfen, verluden sie auf Züge, transportierten sie quer durch Frankreich. Ziel war das Internierungslager Gurs am Nordrand der Pyrenäen. Es war kein Vernichtungslager des NS-Regimes wie Auschwitz oder Majdanek, doch die Lebensbedingungen waren, so Mentrup, „nicht minder grausam und menschenverachtend“.

In undichten wie überfüllten Holzbaracken herrschte feuchtnasses Klima. Lebensmittel, Gegenstände des Alltags, medizinische Versorgung fehlten. Innerhalb von drei Monaten starben 650 der Deportierten an Hunger, Entbehrung, Krankheit. Bis Sommer 1942 waren es 1.000. Sie wurden auf dem Lagerfriedhof beerdigt. Fast alle der südwestdeutschen Jüdinnen und Juden, die Gurs überlebten, wurden dann im Rahmen des Völkermordprogramms der Nationalsozialisten von dort aus nach Ausschwitz verschleppt und ermordet.

Den Nachgeborenen berichten

Seit den 50er Jahren kümmern sich badische Städte in der auf Initiative des damaligen Karlsruher OB Günther Klotz gegründeten „Arbeitsgemeinschaft zur Unterhaltung und Pflege des Deportiertenfriedhofs in Gurs“ in Zusammenarbeit mit dem Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG) um die Anlage. Mentrup: „um den ehemaligen Bürgerinnen und Bürgern ihre Würde zurückzugeben und die Erinnerung wachzuhalten“.

Diese Erinnerung wach hält auch seit vielen Jahren Paul Niedermann. Der 87-jährige war zwölf Jahre alt, als er zusammen mit seiner Familie von Karlsruhe aus nach Gurs verschleppt wurde. Mit Hilfe einer jüdischen Untergrundorganisation gelang ihm später nach der Verlegung in ein anderes Lager die Flucht. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrt er immer wieder nach Deutschland zurück, spricht mit Schülern, berichtet als Zeitzeuge den Nachgeborenen von den Barbareien in Gurs. So auch bei der Gedenkveranstaltung um 75. Jahrestag: „Als Nahrung gab es einmal am Tag eine dünne Suppe, Wasser nur am frühen Morgen für zwei Stunden, Ratten, Wanzen, Flöhe waren ständige Begleiter“, schildert er die Lebensumstände.

Testlauf für spätere Vernichtung

Die Zustände vor Augen führt den Gästen im Stephansaal auch der Film „Lichtschimmer in Gurs“. Die Historikerin und Theaterregisseurin Anne Castollo verfilmte dazu Briefe die Paul Niedermanns Mutter Friederike aus dem Lager an Verwandte schrieb. Paul Niedermann spielt in der 30-minütigen Doku mit, ist dazu an den Ort des Grauens zurückgekehrt. Für ihn ist es „eine heilige Pflicht, das was man wissen muss, um solche Geschehnisse künftig zu verhindern, an jüngere Generationen weiterzugeben“.

„Die besondere tragische Bedeutung der Deportation der badischen Juden“ liegt für Staatsministerin Silke Krebs darin, „dass diese ein Testlauf für die spätere Vernichtung war und es keine großen Proteste aus der Bevölkerung gab“. Jeder Einzelne könne sich prüfen, wie er gehandelt hätte. Und vor diesem Hintergrund, so Krebs, könne die Gesellschaft heute zeigen, „für was wir stehen“.

Hoffnung auf blühendes Leben

Für viele Juden sei die Rückkehr nach Deutschland nach 1945 „unvorstellbar gewesen“, unterstrich der IRG-Vorsitzende Rami Suliman. Doch seit dem Mauerfall 1989 „und dem Schub durch die Einwanderung osteuropäischer Juden“ entstünden neue Gemeinden, stabilisierten sich die bestehenden. Dadurch seien die Aussichten gut, so Suliman, „bald wieder blühendes jüdisches Leben in Baden zu haben“. -trö-

 
 

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