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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 30. Oktober 2015

Deportationen: Bekenntnis zum Einstehen für Menschenwürde

STELE: EB Wolfram Jäger und David Seldner (rechts) enthüllten vor dem Hauptbahnhof den Gedenkstein an die Deportation. Foto: Fränkle

STELE: EB Wolfram Jäger und David Seldner (rechts) enthüllten vor dem Hauptbahnhof den Gedenkstein an die Deportation. Foto: Fränkle

ZEITZEUGEN: Schmerzhafte Erinnerungen kommen in Margot Wicki-Schwarzschild, Eva Mendelssohn und Paul Niedermann (v. l.) immer wieder beim Besuch des einstigen Lagergeländes hoch. Foto: Tröndle

ZEITZEUGEN: Schmerzhafte Erinnerungen kommen in Margot Wicki-Schwarzschild, Eva Mendelssohn und Paul Niedermann (v. l.) immer wieder beim Besuch des einstigen Lagergeländes hoch. Foto: Tröndle

GEDENKEN: Tilman Pfannkuch, Renate Rastätter, Elke Ernemann, Karl-Heinz Jooß, Lüppo Cramer und EB Wolfram Jäger ( v.l.) ... Foto: Tröndle

GEDENKEN: Tilman Pfannkuch, Renate Rastätter, Elke Ernemann, Karl-Heinz Jooß, Lüppo Cramer und EB Wolfram Jäger ( v.l.) ... Foto: Tröndle

... gehörten zur Karlsruher Delegation bei der Feier in Gurs. Foto: Tröndle

... gehörten zur Karlsruher Delegation bei der Feier in Gurs. Foto: Tröndle

 

Gedenken zum 75. Jahrestag der Deportation südwestdeutscher Juden nach Gurs / Zentrale Feier auf dem Friedhof des Deportiertenlagers / Stele vor dem Hauptbahnhof enthüllt

Mit der Enthüllung einer Stele vor dem Hauptbahnhof und der Gedenkfeier auf dem Friedhof des früheren Internierungslagers Gurs (siehe „Die Vorhölle vor Auschwitz) erweiterte die Stadt Karlsruhe zum 75. Jahrestag der Deportation südwestdeutscher Juden ihre Erinnerungskultur um zwei wichtige Bausteine.

Seit den 1960er Jahren pflegt eine Arbeitsgemeinschaft badischer Städte (AG) unter Federführung Karlsruhes mit dem Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG) den Friedhof des ehemaligen Internierungslager Gurs. Bestandteil der Erinnerungskultur an die Opfer ist auch eine jährliche Gedenkveranstaltung .

„Gurs ist ein Ort der Erinnerung und des Gedenkens, aber auch des Lernens für die Gegenwart und die Zukunft“, lautete für Ersten Bürgermeister Wolfram Jäger die zentrale Botschaft der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Deportation am Sonntag auf dem Lagerfriedhof in Gurs. Jäger stand an der Spitze der Karlsruher Delegation um die Mitglieder des Gemeinderats Lüppo Cramer, Elke Ernemann, Karl-Heinz Jooß, Tilman Pfannkuch und Renate Rastätter, die mit der AG, Vertretern des IRG und der Landesregierungen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz an der Gedenkfeier teilnahm. Sprecherin der AG war in diesem Jahr Mannheim.

Gedenkorte pflegen

Bei der Feier versprach der Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz, „die Opfer nicht zu vergessen“. Als Lehre „aus dem durch die Nazis herbeigeführten und von der Mehrheit nicht verhinderten Zivilisationsbruch“ legte Kurz „das Bekenntnis ab, für Menschenrechte und Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaat einzustehen“. Auch die baden-württembergische Staatsministerin Silke Krebs appellierte am „Gedenk- und Erinnerungsort Gurs“, der das grausame Geschehen sichtbar mache, an „unsere Verantwortung, die Erinnerung an das Unrecht der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wach zu halten“ und daraus zu lernen.

Der Vorsitzende der IRG, Rami Suliman, dankte allen, die in der Gedenkarbeit tätig sind, dafür, „dass wir zusammen verhindern“, was Ignaz Bubis einst sagte: „Wer die Namen der Opfer vergisst, tötet sie ein zweites Mal“. Auch für Rheinland-Pfalz sind Orte des Gedenkens und Erinnerns unverzichtbar. Staatsekretär Prof. Dr. Thomas Deufel: „Wir müssen sie pflegen und wollen mit ihnen leben“. Und der deutsche Generalkonsul in Bordeaux Wilfried Krug forderte die jüngere Generation auf, „die Erinnerung weiterzutragen und so zu einem geeinten Europa beizutragen“.

Die Erinnerung wach hielten auch Eva Mendelssohn, Margot Wicki-Schwarzschild und Paul Niedermann, die als Kinder nach Gurs verschleppt wurden. Bei einem von Kulturamtsleiterin Dr. Susanne Asche moderierten Gespräch mit den Zeitzeugen waren Jugendliche aus Pfälzer Schulen dabei, die vor Ort Gedenkarbeit verrichteten. Vor ihnen und den gut 110 Teilnehmern der von der Stadt Karlsruhe organisierten Fahrt nach Gurs gaben die weit über 80-jährigen Überlebenden von Gurs Einblick in ihr Schicksal, beleuchteten Leben und Zustände im Lager wie auch ihre Rettung. Und gaben als Credo an die nachfolgenden Generationen weiter, jetzt und künftig die Verantwortung zur Wachsamkeit gegenüber Rassismus und Ausgrenzung zu übernehmen (siehe „Hinsehen statt wegschauen“).

Geschichte wird begreifbar

Bereits am Jahrestag enthüllte EB Jäger zusammen mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe David Seldner eine Stele vor dem Hauptbahnhof. Mit den Bildern und Texten auf dem Mahnmal aus rotem Sandstein erhalte das Gedenken „einen konkreten Orientierungspunkt an historischen Ort“, sagte Jäger bei der Enthüllung. Geschichte werde „begreifbar.“

Seldner erinnerte an das Geschehen vom 22. Oktober 1940 aus Sicht der Opfer, sprach von denen, die den Holocaust überlebten und davon, wer das Gedächtnis wachhalte, wenn es Zeitzeugen nicht mehr gebe. „Bleibende Monumente“, so Seldner würden immer wichtiger. Auch diese sollten „uns daran erinnern, uns gegen antidemokratische Kräfte zu wehren“. -trö-

 
 

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