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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 5. Februar 2016

Gedenkveranstaltung für Opfer des Nationalsozialismus: Gräuel offen gelegt

Vortrag über Verbrechen der 35. Infanteriedivision im März 1944

Am Abend des 71. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz legte Prof. Dr. Christian Gerlach, Bern, bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Ständehaussaal über „Die Welt der 35.Infanteriedivision im Frühjahr 1944“ deren Gräuel offen.

Zuvor hatte Erster Bürgermeister Wolfram Jäger darauf hingewiesen, dass in der jährlichen, nun zum 20. Mal ausgerichteten Veranstaltung aller Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedacht werde. Dabei werde versucht, lokale und regionale Bezüge herzustellen. Die 35. Infanteriedivision wurde nach Remilitarisierung des Rheinlands 1936 in Karlsruhe aufgestellt und zum Teil in der Grenadierkaserne an der Moltkestraße stationiert. Beteiligt war sie auch beim Überfall auf Belgien 1940 und seit 1941 auf die Sowjetunion.

Beim Rückzug im März 1944 machte sie sich im weißrussischen Osaritschi am Tod von mindestens 9.000 Zivilisten schuldig. Gerlach schilderte, wie dort auf einem Gebiet von der doppelten Größe des Saarlandes rund 46.000 Frauen mit kleinen Kindern, Greise, Invaliden und Typhuskranke in drei mit Stacheldraht umzäunte und verminte, improvisierte Lager getrieben wurden. Auf tagsüber aufgeweichtem, nachts überfrierendem Boden litten die Menschen dort ohne Unterkünfte und bei minimalster Verpflegung. Auf den langen Märschen hatten sie Habseligkeiten fortgeworfen, die sich Wehrmachtsangehörige dann oft aneigneten.

Die Soldaten erschossen alle, die sich der Festnahme widersetzten, auf Bahnhöfen nicht schnell genug in die Züge ein- oder ausstiegen, im Schlamm nicht mehr weiterkonnten, sich nachts im Lager an Feuer wärmen wollten oder nur den Kopf hoben. Überall lagen Leichen. Frauen wurden vergewaltigt. Gebärende starben mit ihren Neugeborenen. Ziel war, “sich unnützer Esser zu entledigen“ und den nachrückenden, zahlenmäßig überlegenen Sowjets die „Bürde“ solcher Lager in den Weg zu stellen, um sie aufzuhalten. Lediglich bis zu 1.500 Arbeitsfähige wurden noch Richtung Westen deportiert.

All das war laut Gerlach keinesfalls zufällig sondern die Konsequenz vieler verzahnter Besatzungspraktiken nach dem Prinzip der verbrannten Erde der zunehmend in die Defensive geratenen Frontdivision. Dazu zählten nach Nützlichkeitserwägungen rücksichtslose Selektion von Schwachen und Arbeitsfähigen, Konzentration und Ausnutzen der mangelhaft gekleideten (oft keine Schuhe), ernährten und untergebrachten (in Erdlöchern oder Ställen) Bevölkerung sowie ihrer Lebensgrundlagen. Dazu kamen Erschießungen, Zwangsarbeit und weitere Repressalien, etwa bei der Bekämpfung von Partisanen sowie die Entführung von Kindern als potenzielle Zwangsarbeiter. Dabei gab es keinen Unterschied zwischen den Gewalttaten vor und hinter der Front, sie dienten allesamt immer militärischen Zielen oder der Versorgung der Division. -cal-

 
 

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