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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 22. Juli 2016

17. Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung: Kein Richtig oder Falsch

VOLLER ENERGIE: Agnes Heller mit OB Mentrup. Foto. Fränkle

VOLLER ENERGIE: Agnes Heller mit OB Mentrup. Foto. Fränkle

 

Agnes Heller über autobiografische Erinnerung

„Alle Spuren unserer Erinnerung hängen von der Erwartung der Gesellschaft ab.“ In der „autobiografischen Erinnerung“ gehe es jedoch nicht um Richtig oder Falsch. In einer migrantischen Welt brauche es für andere, ihre Identität und Erinnerung, Achtsamkeit und Respekt, resümierte OB Dr. Frank Mentrup die Thesen Agnes Hellers.

Die 87-jährige Philosophin hielt die 17. Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung im vollbesetzten Bürgersaal. Jährlich erinnern Stadt und juristische Institutionen an den von den Nationalsozialisten hingerichteten Rechtsanwalt Dr. Reinhold Frank. In Vertretung von Ministerpräsident Kretschmann zitierte Regierungspräsidentin Nicolette Kressl Dietrich Bonhoeffer, wonach „Ehrfurcht vor der Vergangenheit und Respekt vor der Zukunft Verantwortung erzeugen“. Demokratische Werte zu erhalten, erfordere dauerhaftes Bemühen.

Autobiografische Erinnerung sah Agnes Heller nach Locke als privat erinnerte Grundlage der subjektiven Identität des Menschen ebenso wie nach Leibnitz als objektive, von anderen konstituierte Wahrnehmung einer Persönlichkeit. Die menschliche Psyche werde über Gedächtnisspuren bestimmt, von denen nur emotional verankerte in eine Erinnerungskette, die Identität, eingebunden würden. Gegenüber anderen entwickele jeder zudem einen von der jeweiligen Situation und dem Gegenüber abhängigen autobiografischen Roman als „ erfolgreiche Selbst-Präsentation zur Wahrung unseres geistigen Gleichgewichts“. Das sei nicht kontrollierbar, daher weder wahr noch unwahr und schließe das Vergessen ein. Missbrauch liege vor, wenn die biografische Erzählung bewusst für einen pragmatischen oder praktischen Zweck angepasst werde.

Gedächtnisspuren seien aber immer (verantwortete) Interpretationen, oft von Gefühlen bestimmt und grundsätzlich andere als im Traum auftauchende, unbewusste und daher nicht verantwortbare Spuren. Keine Persönlichkeit sei jedoch einheitlich, vielmehr bestehe eine jede um einen Kern herum aus mehreren „Selbsts, die manchmal einen Krieg gegeneinander führten“. Als kollektives Gedächtnis bezeichnete es Heller, wenn ein von mehreren Menschen gemeinsam erlebtes Ereignis erinnert werde. Das kulturelle Gedächtnis sei dagegen das identitätskonstituierende Netz von Texten, Fantasien oder des Glaubens eines Volkes. Abschließend wertete Heller Autobiografie als „Art von Rechtfertigung für sich selbst“ oder aber als „eine Art von Selbsterniedrigung“. Heute sei Autobiografie Mode: „Wir alle sind Spione und Texter in einer Welt öffentlichen Klatsches.“ -cal-

 
 

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