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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 7. April 2017

Kultur: Stigma der Sinti und Roma

ZUM UMGANG MIT SINTI UND ROMA: Vanessa Hilss stellte ihre Untersuchung zusammen mit EB Wolfram Jäger öffentlich vor. Foto: Fränkle

ZUM UMGANG MIT SINTI UND ROMA: Vanessa Hilss stellte ihre Untersuchung zusammen mit EB Wolfram Jäger öffentlich vor. Foto: Fränkle

 

Verfolgte ohne Entschädigung / Publikation des Stadtarchivs

Der soeben erschienene Band 17 in der Schriftenreihe des Stadtarchivs „Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte“ nimmt die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus, vor allem aber die Entschädigungspraxis in Karlsruhe nach 1945 unter die Lupe.

Autorin des im Info Verlag unter dem Titel „Sinti und Roma – Nicht aus Gründen der Rasse verfolgt? – Zur Entschädigungspraxis am Landesamt für Wiedergutmachung Karlsruhe“ erschienenen, 170 Seiten starken Werks ist Vanessa Hilss. Die Historikerin stellte ihre Arbeit, die sie bereits 2016 an der Universität Heidelberg als Zulassung zum Staatsexamen eingereicht hatte, vor Kurzem im Rahmen der „Wochen gegen Rassismus“ im Stadtarchiv zusammen mit Erstem Bürgermeister Wolfram Jäger vor.

In der historischen Erinnerungskultur der Stadt ist die Deportation von 200 Karlsruher Sinti und Roma am 16. Mai 1940 ein wichtiges Datum. „Diese Menschen wurden in das Sammellager auf den Hohenasperg verbracht und von dort aus in Zügen in Ghettos und Arbeitslager im besetzten Polen verschleppt, die meisten kamen dort um“, erinnerte Jäger zu Beginn der Veranstaltung an den nationalsozialistischen Völkermord, in dem die jahrhundertelange Diskriminierung der „Zigeuner“ kulminierte.

Doch die Zerschlagung des Nationalsozialismus 1945 führte zu keinem prinzipiellen Sinneswandel in der Beurteilung der Sinti und Roma durch Staat und Gesellschaft. Eine unrühmliche Rolle spielte dabei der Bundesgerichtshof, der 1956 die Verfolgung der Sinti und Roma vor dem Auschwitz-Erlass vom Januar 1943 - damit auch die Deportation von 1940 – als „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ bezeichnete. Sinti und Roma konnten damit bis zur Revision des Urteils im Jahre 1963 keine Verfolgung aus rassischen Gründen geltend machen.

Vanessa Hilss zeigt in ihrer Arbeit, dass die Rechtsprechung der Wiedergutmachung in der jungen Bundesrepublik gegenüber Sinti und Roma in hohem Maße von einer nach 1945 anhaltenden Stigmatisierung dieser Minderheit beeinflusst wurde. Sie führt dies auf die unveränderte antiziganistische Haltung in der Bevölkerung sowie auf personelle Kontinuitäten insbesondere bei der Kriminalpolizei zurück. So traten etwa frühere NS-Beamte für „Zigeunerangelegenheiten“ nach 1945 sogar als Kripo-Gutachter für Entschädigungen auf. -trö-

 
 

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