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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 27. Oktober 2017

Wohnungslosenhilfe: Karlsruher Strategie bundesweit einmalig

20 Jahre Gesamtkonzept Wohnungslosenhilfe / Fachtag zur Armutsbekämpfung / Ohne eingespieltes Netzwerk wäre Lage dramatischer

Seit langem hat sich Karlsruhe dem Kampf gegen Wohnungslosigkeit als eine der strengsten Formen von Armut verschrieben. Bereits vor 20 Jahren legte die Stadt dazu mit dem „Gesamtkonzept Wohnungslosenhilfe“ ein lokales Strategiepapier vor, das in zweijährigem Turnus fortgeschrieben wird. Eine Pionierleistung.

Obgleich sich die Zahl obdachloser Menschen aktuell binnen fünf Jahren fast verdoppelt hat, sei man laut Bürgermeister Martin Lenz „gut aufgestellt“. Paradox? Nein, sagte er bei der fünften Tagung zur Armutsbekämpfung im Anne-Frank-Haus nicht ohne Stolz, denn ohne das Aktionsprogramm wäre die Lage weit dramatischer. Ein kleines Jubiläum also, das bei der Veranstaltung im Rahmen der landesweiten Kampagne „Netzwerke gegen Armut und Abstiegsangst“ der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Mittelpunkt stand. Das Karlsruher Modell sei „außergewöhnlich“, lobte Dr. Thomas Specht, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, „die Einheit aus sozialer Arbeit, Sozialplanung und sozialer Kommunalpolitik“ als „bundesweit einmalig“. Hier werde systematisch vorwärts gedacht und schnell auf aktuelle Entwicklungen und Zielgruppen reagiert, war Gastrednerin Professor Dr. Susanne Gerull von der Alice Salomon Hochschule Berlin nicht minder beeindruckt. Und dass eine Stadt schon so früh umfangreiche Sozialberichterstattung betrieben habe, „hat mich schlichtweg umgehauen“.

Der 1997 vom Gemeinderat verabschiedete Aktionsplan nahm akute Wohnungslosigkeit, Ausbau des Hilfesystems und medizinische Versorgung ebenso in den Blick wie soziale Stadtteilentwicklung. Das reibungslose Zusammenspiel aller Partner und die Bündelung von Kompetenzen im Fachstellenkonzept greifen bis heute. Besonders erfolgreich ist das 2005 etablierte Instrument „Wohnraumakquise durch Kooperation“, bei dem Vermieter leerstehende Immobilien für den sozialen Wohnungsmarkt zur Verfügung stellen. Seit Beginn konnten so über 1 700 Menschen mit gut 660 Wohnungen versorgt werden. Aber trotz bester Voraussetzungen macht sich der massive Einbruch beim sozialen Wohnungsbau auch in Karlsruhe bemerkbar, verschärft den Druck im Niedrigpreissegment. Wies die Statistik Ende 2014 noch 448 Menschen ohne eigene Bleibe aus, waren es 2016 sogar 579 obdachlosenrechtlich untergebrachte Familien, Paare und Alleinstehende.

Diese Zuspitzung erfolgt nach den Worten von Martin Lenz nicht, weil „wir flügellahm geworden sind“, sondern weil es „wirklich zappenduster“ aussehe und Geringverdiener längst keine bezahlbare Bleibe mehr fänden. Die Leerstandquote in der „Boomtown Karlsruhe“ liegt derzeit bei 0,7 Prozent, der Bestand an Sozialmietwohnungen ist seit 2009 um 36 Prozent geschrumpft. „Den Armen bleibt nur die Straße und nicht einmal mehr die kleine Wohnung“, so sein nüchternes Fazit. Städten und Gemeinden seien bei alledem die Hände gebunden, nur der Bund sei in der Lage, grundsätzlich umzusteuern und den Sozialwohnungsbau anzukurbeln. Karlsruhe indes ist nicht untätig und setzt als ein Ergebnis des zu Jahresanfang veranstalteten ersten „Strategietags Wohnungslosenhilfe“ die Frage nach Vereinbarungen zu sozial ausgewogener Belegungssteuerung in Wohngebieten auf die Agenda. -maf-

 
 

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