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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 10. November 2017

Kultur: Wenn sich alles verwandelt

DAS STILLLEBEN MIT TEEKANNE – entstanden  in den letzten Lebensjahren Cézannes, zeigt den Maler  auf der Höhe seiner Kunst. Stillleben sind zu stillgelegten Historiengemälden geworden. Foto: SKK

DAS STILLLEBEN MIT TEEKANNE – entstanden in den letzten Lebensjahren Cézannes, zeigt den Maler auf der Höhe seiner Kunst. Stillleben sind zu stillgelegten Historiengemälden geworden. Foto: SKK

 

Cézanne-Schau in Kunsthalle

Er arbeitete hart an der Realisierung seiner künstlerischen Überzeugungen gemäß seiner „Empfindung“, war ständig von Selbstzweifeln geplagt und musste lang auf öffentliche Anerkennung warten: der Maler, Zeichner und Aquarellist Paul Cézanne (1839 – 1906).

Noch bis zum 11. Februar widmet die Kunsthalle dem Provenzalen eine Sonderausstellung des Landes mit rund 100 Werken, darunter auch einzelne von Chardin, Delacroix, Corot, Courbet, Pissaro, oder Degas, von denen Cézanne sich wichtige Impulse zog. Der hochgebildete Künstler, der sich sein Repertoire hauptsächlich durch Kopieren und Anverwandeln von Motiven alter Meister wie Zeitgenossen erwarb, gilt wegen seiner Abstraktionstendenzen als wichtiger Wegbereiter der Moderne. Das wollte er aber gar nicht sein, „nur“ die Kunst auf dem Fundament der Kunstgeschichte erneuern: „Meiner Meinung nach setzt man sich nicht an die Stelle der Vergangenheit, sondern fügt ihr nur ein neues Glied an“ sagte er. Kurator Alexander Eiling möchte Cézanne „bei seinem prozesshaften Arbeiten, der steten Suche nach der perfekten künstlerischen Form über die Schulter sehen“. Als roten Faden sieht er, so der Ausstellungstitel, seine „Metamorphosen“. Also die ständigen (Bedeutungs-)Wandlungen immer wiederkehrender Motive wie Badende, Äpfel, Birnen, Schädel, Stoffen, die Montagne St. Victoire, Naturdarstellungen, Porträts.

Zugleich verschmolz Cézanne die Gattungen Stillleben, Porträt und Landschaft (letztere etwa im „Sitzenden Mann“) und gab ihnen neue Wertigkeiten. Machte  etwa  Stillleben lebendig, entwickelte sie sogar zu so genannten „stillgelegten Historienbildern“. Darin wird heute die Modernität des Franzosen gesehen. Das verdeutlicht Eiling durch Vor- und Rückgriffe unter den Aspekten Kombinieren, Verwandeln, Übersetzen, Stillstellen/Verlebendigen, Auflösen, Umkreisen und Verfestigen. Beispielhaft für all diese Prozesse findet sich eingangs das Aquarell „Jacke auf einem Stuhl“. Der Kittel Cézannes steht stellvertretend für ihn selbst, wird also zum Porträt.

Gleichzeitig kann man Ärmelöffnungen, Revers und Kragen als Höhlen oder Grotten lesen. Das Gebilde auf einem Stuhl erscheint so auch als Landschaft und Gebirge, gekrönt von der Montagne St. Victoire. Den „Hausberg“ der Provençe umkreiste der Maler zeitlebens, wovon in der Schau zwei Ölgemälde aus unterschiedlichen Schaffensperioden zeugen. Um 1895 erhebt  der Berg  sich zart aus horizontalen Flächen, während er zwischen 1902 und 1906 wuchtiger, dunkler, aus kräftigen vertikalen Farbschichten  wie neu erschaffen auftaucht. Ein Ziel, das der gereifte Maler nach intensiven Farbstudien, vielem „Nachdenken mit dem Pinsel“ erreichte. Form- und Farbharmonie strebte er auch in seinen wie erstarrt wirkenden Porträts an, etwa von seiner Frau Hortense, denen aber oft individuelle Zeichnungen zugrunde liegen. Der 334-seitige Katalog kostet an der Museumskasse 35 Euro. -cal-

 
 

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