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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 17. November 2017

Reichspogromnacht: Deutliche Warnung vor Rechtpopulismus

SCHLUG DEN BOGEN in die Gegenwart: Referent Brumlik mit Kulturamtsleiterin Asche beim Gedenkabend im Tollhaus. Foto: Fränkle

SCHLUG DEN BOGEN in die Gegenwart: Referent Brumlik mit Kulturamtsleiterin Asche beim Gedenkabend im Tollhaus. Foto: Fränkle

 

Jüdische Schicksale damals und Gefahren heute / Gedenkveranstaltung zum 9. November

Der Soziologe, Philosoph, Erziehungswissenschaftler, Publizist und Pädagoge Prof. Dr. Micha Brumlik war Hauptredner bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung zu den antijüdischen Pogromen am 9. November. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Schergen des nationalsozialistischen Regimes in einer konzertierten Aktion landesweit jüdische Geschäfte, Praxen, Synagogen und andere Einrichtungen geschändet, zerstört oder niedergebrannt und zahlreiche Menschen jüdischen Glaubens verhaftet. Auch die beiden Karlsruher Synagogen in der Karl-Friedrich- und in der Kronenstraße waren betroffen.

Ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis aus zwölf Karlsruher Organisationen und Institutionen trifft sich stets am Abend des 9. November im Tollhaus, um an diese oft noch verharmlosend wie damals mit „Reichskristallnacht“ überschriebenen Gräuel zu erinnern.

Brumlik mahnte in seinem Beitrag („Nach Mord und Zerstörung: Jüdische Existenz im Geiste der Demokratie“) eindringlich ob des sich weltweit ausbreitenden Rechtspopulismus und warnte vor dessen Gefahren für die Demokratie. Dass sich jetzt auch wieder rechtspopulistische Ideen im Deutschen Bundestag Gehör verschaffen könnten, sei für ihn unerträglich.

Für seine Ansprache hatte sich Brumlik über jüdisches Leben in Karlsruhe vor und während der Terrorherrschaft des Dritten Reichs kundig gemacht. Neben Anderen erinnerte er nun an den Karlsruher Rabbiner Dr. Hugo Schiff, der unter anderem bei Karl Jaspers Philosophie studiert hatte. Schiff war nach den Novemberpogromen einige Zeit in Dachau inhaftiert und konnte 1939 in die USA ausreisen.

Dieses Glück hatte die Opernsängerin und Kantorin der jüdischen Gemeinde, Ruth Poritzky, Künstlername Ruth Porita, nicht. Sie wurde am 12. August 1940 zusammen mit ihrer Mutter in Auschwitz-Birkenau ermordet.
Gegenwärtig fehlt Brumlik jedes Verständnis, wenn Juden Mitglied in der AfD eines Björn Höcke oder Alexander Gauland sind. Die Gegnerschaft dieser Partei zu Islam – und auch, wobei er diesen selbst kritisiert, Islamismus – sei eine Form des Rassismus, der sich letztlich auch gegen Juden und andere Minderheiten richte.

Brumlik verglich die AfD in ihrer Struktur sogar mit der NSDAP. Kulturamtsleiterin Dr. Susanne Asche hatte den Redner als Sprecherin des Aktionsbündnisses begrüßt und daran erinnert, dass es auch in Karlsruhe schon häufiger Ausschreitungen gegen Juden gegeben habe. Etwa im August 1819, als überall, auch in Karlsruhe, unter „Hipp-hipp“-Rufen gegen Juden vorgegangen wurde.

Deutlich leiser die Töne im zweiten Teil des Abends, als der Chor „Alef“ der Jüdischen Kultusgemeinde ei-nen viel beachteten Querschnitt seines Repertoires darbot. -erg-

 
 

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