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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 24. November 2017

Euthanasieopfer: „Ballastexistenzen“ ins Gas geschickt

DER BEVÖLKERUNG verkaufte das Regime die Gräueltaten als wirtschaftlich notwendig, wie auf diesem Propagandaplakat. Foto: pr

DER BEVÖLKERUNG verkaufte das Regime die Gräueltaten als wirtschaftlich notwendig, wie auf diesem Propagandaplakat. Foto: pr

 

Generallandesarchiv Karlsruhe beleuchtet Euthanasie-Verbrechen im Dritten Reich / Über 10.500 Opfer in Grafeneck bei Mordprogramm der Nationalsozialisten

Die Erinnerung lebendig halten, vor allem, wenn es sich um Gräueltaten handelt – das versucht das Generallandesarchiv Karlsruhe. Seit 17. November beherbergt der Bau an der Nördlichen Hildapromenade die Wanderausstellung „Krankenmord im Nationalsozialismus. Grafeneck 1940. Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland“.

Auf erschreckende Weise dokumentieren dort Briefe, Bilder und Akten, wie die Nationalsozialisten Menschen mit geistiger Behinderung, psychisch Kranke oder Alkoholiker als „Defektmenschen, Schwächlinge oder Ballastexistenzen“ zwangssterilisierten und in ein Mordprogramm deportierten, das für viele in Baden und Württemberg 1940 und 1941 direkt vor der Haustür ausgeführt wurde: in Grafeneck auf der schwäbischen Alb. In jener Mordfabrik, seit 1990 offizielle Gedenkstätte, starben über 10.500 Menschen in der Gaskammer, allein 4.500 Ermordete stammten aus badischen Heil- und Pflegeanstalten.

In Baden fanden die Nationalsozialisten zugleich Ideengeber und Vollstrecker ihres „Euthanasie“-Programms, dessen Namen bereits Manipulation war: Geliehen aus der griechischen Philosophie um Platon und Sokrates bezeichnet der Begriff einen „guten Tod“, der dann gestorben wird, wenn der Sterbende am Ende seines Lebens zufrieden zurückblickt. Während also unter anderem Alfred Hoche, Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Freiburg, mit seinem 1920 veröffentlichen Buch „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ als Ideengeber fungierte, vollstreckte Arthur Schreck, Leiter und Liquidator der Pflegeanstalt Rastatt, auch selbst die Tötung, indem er Kindern eigenhändig die Giftspritze injizierte.

Er entschied über das Leben von 15.000 Menschen. Verwaltungsmäßig organisiert wurden die Tötungen durch Gas schließlich vom badischen Mediziner Ludwig Sprauer, Leiter der Medizinalabteilung im Karlsruher Innenministerium. Nach außen betrieben die Nationalsozialisten wirtschaftlich motivierte Propaganda: So warb ein Plakat damit, dass ein „Erbkranker“ bis zur Erreichung seines 60. Lebensjahres im Schnitt 50.000 Reichsmark koste.

Die Ausstellung ist noch bis 2. März, Dienstag bis Donnerstag von 8.30 bis 17.30 Uhr und Freitag von 8.30 bis 19 Uhr geöffnet. Begleitend findet am 28. November um 18 Uhr die Szenische Lesung „Die Unfruchtbarmacher“ im Oberlandesgericht statt. Details zum weiteren Programm gibt es online auf www.landesarchiv-bw.de/glak.-bea-

 
 

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