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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 2. Februar 2018

Ausstellung: Verschleppt und zwangsgermanisiert

IN DER  PRÄSENTATION „Geraubte Kinder“ erklärt Kurator Christoph Schwarz (l.) Bürgermeister Dr. Albert Käuflein die Tragödie von Lidice . Foto: Fränkle

IN DER PRÄSENTATION „Geraubte Kinder“ erklärt Kurator Christoph Schwarz (l.) Bürgermeister Dr. Albert Käuflein die Tragödie von Lidice . Foto: Fränkle

 

NS-Opfergruppe „Geraubte Kinder“ kämpft bis heute um Anerkennung und Entschädigung / Ausstellung in Erinnerungsstätte Ständehaus bis 10. März

„Ich habe wirklich die Absicht, germanisches Blut zu holen, zu stehlen, wo ich kann“, kündigte SS-Reichsführer Heinrich Himmler 1938 zynisch an, „arisch“ aussehende Kinder aus Polen, Russland, Slowenien, Tschechien und Norwegen nach Deutschland zu entführen und sie dort in Pflegefamilien, Heimen oder Lagern zwangsweise einzudeutschen. Auf das Schicksal dieser NS-Opfer, die bis heute um Anerkennung und Entschädigung kämpfen, während die Täter ihre Pensionen genossen, macht bis zum 10. März im Neuen Ständehaus die Wanderausstellung „Geraubte Kinder - Vergessene Opfer“ aufmerksam.

Die preisgekrönte, vor Ort auf reges Interesse stoßende Schau mit 35 Doppeltafeln und einer Film-Medienstation erarbeite der gleichnamige Freiburger Verein (www.geraubte-kinder.de). Das Stadtarchiv hat sie zum 73. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz Birkenau, in dem über eine Million Menschen ermordet wurden, in die Fächerstadt geholt.  Bei der 22. Karlsruher  Gedenkveranstaltung bat der neue Kulturbürgermeister Dr. Albert Käuflein um Unterstützung aus der  Bevölkerung, um über neue Formen der „so wichtigen Gedenkarbeit nachzudenken“, auch weil die Auseinandersetzung mit dem NS-Problem etwa von Mitgliedern der AfD infrage gestellt werde.

Kurator Christoph Schwarz geht von rund 200.000 Kindern aus. Unter Vorwänden ergriffen, von Ärzten, die über Leben und Tod entschieden, rassisch untersucht, danach in Erziehungsanstalten des SS-Vereins Lebensborn mit neuer Identität auf Linie gebracht, wurden die Kinder nach dieser, Prügel  oder sexuelle Übergriffe einschließenden Tortur zur Adoption freigegeben. Wehrten sie sich, kamen sie in Vernichtungslager.

Beispielsweise sucht der heute 82-jährige Hermann Lüdeking, geboren als Roman Roszatowski in Lodz, der dort aus einem Waisenhaus entführt wurde, bis heute nach seinen Eltern. Barbara Gejzler aus Gotenhafen (Gdynia), deren Familie Zwangsarbeit leisten musste, erhielt vom Jugendamt Litzmannstadt (Lodz), das als falsche Geburtsstadt angegeben wurde, zunächst den Namen Geisler, wurde untersucht und vermessen und kam schließlich an Stelle eines gestorbenen Kindes als Bärbel Rossmann in eine Lehrerfamilie nach Lemgo. Bis heute ist sie dadurch traumatisiert, dass sie ein totes Kind ersetzen sollte. -cal-

 
 

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