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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 27. April 2018

Entlastung für die Südstadt: Räume für Trinker und Junkies

WIEDER SICHER UND WOHL FÜHLEN sollen sich Bürgerinnen und Bürger am Werderplatz in der Südstadt. Dafür müssen Trinker- und Drogenszene  eingedämmt und Alternativen angeboten werden. Foto: Fränkle

WIEDER SICHER UND WOHL FÜHLEN sollen sich Bürgerinnen und Bürger am Werderplatz in der Südstadt. Dafür müssen Trinker- und Drogenszene eingedämmt und Alternativen angeboten werden. Foto: Fränkle

 

Rat beschreitet neue Wege

Am Werderplatz soll Ruhe einkehren: Einstimmig hat sich der Gemeinderat am Dienstag für die Einrichtung einer geschützten Stätte für Drogenkonsum samt Kontaktladen, eines Aufenthaltsraums mit Beratung für Trinker sowie auf Antrag der CDU für zeitweises Alkoholverbot am Platz ausgesprochen.

Die Versuchsanordnung ist auf Wunsch aller zunächst auf drei Jahre befristet, soll stetig im Blick behalten und notfalls angepasst werden. Sämtliche Ideen zur Befriedung der angespannten Lage in der Südstadt haben Bürgerschaft und weitere Akteure in städtischer Regie gemeinsam entwickelt. „Das glaubt uns draußen keiner“ war Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup angesichts der klaren politischen Haltung hochzufrieden. Karlsruhe habe in Sachen Drogenpolitik schon beim Modellversuch zur heroingestützten Behandlung eine Vorreiterrolle eingenommen, damit erkläre sich „die große Unaufgeregtheit“ bei diesem Thema.

In sechs Bundesländern sind Drogenkonsumräume bereits Alltag, in Baden-Württemberg noch nicht. Ob Karlsruhe das Vorhaben in Trägerschaft der AWO wie geplant realisieren kann, hängt vom Erlass einer Landesverordnung ab, die dessen Betrieb genehmigt und legalisiert. Ist alles in trockenen Tüchern, versprechen sich Politik und Verwaltung einen Rückgang der offenen Drogenszene und ihrer negativen Begleiterscheinungen sowie die Verbesserung der gesundheitlichen Situation chronisch Abhängiger.

Die Politik sei in der Pflicht, der Zustand am Werderplatz „nicht mehr hinnehmbar“, sah CDU-Stadtrat Thomas Müller im Drogenkonsumraum eine Chance auf Entlastung. Die Erfahrungen anderer Städte stimmten sie zuversichtlich, lobte SPD-Stadträtin Yvette Melchien den „mutigen Schritt“ und versprach, bei Bedarf nachzusteuern. Das „solide“ Konzept überzeugte auch Verena Anlauf von den Grünen, allerdings komme die Südstadt als Standort für den Raum nicht in Frage, sie „ist schon genug belastet.“

Das sah auch Karl-Heinz Jooß (FDP) so. Die öffentlichen Toiletten am Werderplatz seien längst zum Drogenkonsumraum verkommen, hat Max Braun (KULT) beobachtet. Wer das ignoriere, lasse Südstädter und Suchtkranke gleichermaßen im Stich. In Frage stellte AfD-Stadtrat Dr. Paul Schmidt das Vorhaben nicht, aber es sei nur die „zweitbeste Lösung.“ Priorität müsse haben, dass Abhängige von den Drogen loskämen. Ein solcher Raum bilde einen Baustein unter vielen, konterte GfK-Stadtrat Friedemann Kalmbach, er helfe Menschen „würdevoller zu leben.“ Einverstanden mit Vorlage und Vorgehen war auch Jürgen Wenzel (FW), er appellierte jedoch, auch den Drogenhandel mit aller Härte zu bekämpfen.

Während der Drogenkonsumraum von der Gesetzesvorgabe des Landes abhängt, soll das möglichst bis in die Abendstunden geöffnete „alkoholakzeptierende Aufenthalts- und Beratungsangebot“ rasch an den Start gehen. Der dafür vorgesehene Raum in der Schützenstraße ergänzt die Straßensozialarbeit des Diakonischen Werks, bietet Tagesstruktur und Arbeitsgelegenheiten. Im Gegenzug soll der Werderplatz für die Trinkerszene mittels eines zeitlich und örtlich begrenzten Alkoholverbots unattraktiv werden. „Extrem skeptisch“ war im Plenum einzig KULT-Stadtrat Lüppo Cramer, schon frühere Versuche wie der am Tivoli seien gescheitert, trotzdem stimme er dafür. -maf-

 
 

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