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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 7. September 2018

Kultur: Grotesker Reigen um greisen Diktator

KARUSSELL UM MACHT UND GELD: Der greise Diktator (Franco Rosa) und seine Schwester Ursula (Gabriele Michel) halten in „Zerbrochene Spiegel der Erinnerung“ die Fäden zusammen. Fotp: pr/Thidor

KARUSSELL UM MACHT UND GELD: Der greise Diktator (Franco Rosa) und seine Schwester Ursula (Gabriele Michel) halten in „Zerbrochene Spiegel der Erinnerung“ die Fäden zusammen. Fotp: pr/Thidor

 

Theater in der Orgelfabrik zeigt in Uraufführung „Zerbrochene Spiegel der Erinnerung“

Er ist einfach da. Wortkarg, bestimmt, machtbewusst. Seit drei Jahrzehnten regiert der greise Diktator ein unbestimmtes Land. Mit eiserner Faust. Die ihn verehren, sehen im kleinen Mann im Rollstuhl den „Retter des Vaterlands“. Die ihn hassen, einen grausamen Despoten.

Attentate auf ihn gab es zuhauf. Überlebt hat er sie alle. Denn er verlässt niemals seinen Palast, in die Öffentlichkeit schickt er Doppelgänger. Die dann an seiner statt sterben. Wie bei der Parade zum 30-jährigen Regierungsjubiläum. Mit der Explosion, die dabei das Double und fast die gesamte Familie des Diktators zerfetzt, beginnt und endet die jüngste Inszenierung des Theaters in der Orgelfabrik.

Unter dem Titel „Zerbrochene Spiegel der Erinnerung“ lässt das Ensemble um Gabriele Michel und Franco Rosa in seinem nach Vorlagen des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel Garcia Márquez entstandenen neuen Stück das Leben des Diktators und seiner zahlreichen Geschwister in den Wochen vor dem großen Knall Revue passieren. Die Uraufführung präsentiert in einem grotesken Reigen Abgründe hinter Fassaden, zerbröselt Selbstbilder. Nimmt die Zuschauer mit auf eine Fahrt in einem bizarren Karussell, dessen allmählich verrohenden und verrottenden Figuren im Staccato um Geld, Macht, Liebe, Sex kreisen.

Truthahn rettet Leben

Zur Besatzung des bizarren Familienkarussells gehört neben dem von Franco Rosa gespielten „Retter des Vaterlands“ seine Schwester Ursula (Gabriele Michel), die als Mutter der Truppe vermeintlich die Fäden in der Hand hält. Weil sie nach einem angebrannten Truthahn im Ofen sieht, überlebt sie außer dem Diktator als einzige das Attentat. Im Gegensatz zu allen Anderen. Zu den Opfern gehören zunächst ihre beiden Schwestern und Brüder. Das sind Isabella (Martina Eckrich), die Soubrette, die ein Bordell leitet, und Carolina (Ulrike Schmitt), die nachdem sie ihr Mann in der Hochzeitsnacht als „nicht mehr jungfräulich“ verstoßen hatte, auf Weltflucht in ein Kloster ist.

Brutalität kennzeichnet Romero (Oliver Fobe), Bruder und Leibgardist des Diktators, der Carolinas Schande grausam rächt. Der ältere Bruder Manuel (Oliver Grimm), der wie ein einfühlsamer Literat daher kommt, entpuppt sich bald als Denunziant. Und da sind noch das Dienstmädchen Niobe (Véronique Weber) und ihr Vater, der Oberst (Winfried Spiegel), der seit 19 Jahre täglich vergeblich wegen eines Rentenbescheids der Pensionskasse zur Post geht.

Die fesselnde Inszenierung lebt nicht nur von Dialogen und Bildern im Zuschauerraum, auf Treppe und oberer Ebene der alten Orgelhalle, sie streut auch eine würzende Prise an Comedy, Show und Gesangtheater entlehnten Einlagen in das Bühnengeschehen. Die vielfältigen Lichteffekte, die Peter Schmitt den Szenen gibt, werfen pointierte Flammen auf die Geschichte.

„Zerbrochene Spiegel der Erinnerung" ist bis 29. September freitags und samstags, 20 Uhr, in der Orgelfabrik, Amthausstraße 19, zu sehen. Kartentelefon: 40 14 43. -trö-

 
 

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