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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 30. November 2018

Kultur: „Goldreiches“ Mykene im Schloss

EIN  MYKENISCHER THRONSAAL ist als Nachbau  inszenatorischer Höhepunkt  der Mykene-Schau. Hier zelebrierte  der Wanax, der König, religiöse Riten und empfing Staatsgäste. Foto: Deck

EIN MYKENISCHER THRONSAAL ist als Nachbau inszenatorischer Höhepunkt der Mykene-Schau. Hier zelebrierte der Wanax, der König, religiöse Riten und empfing Staatsgäste. Foto: Deck

 

BLM erarbeitete mit griechischem Kulturministerium einzigartige Schau / Neue Funde

Dem „goldreichen“ Mykene, der frühesten Hochkultur auf europäischem Festland, gilt bis 2. Juni eine spektakuläre Schau im Badischen Landesmuseum (BLM) mit dem Untertitel „Die sagenhafte Welt des Agamemnon“.

Erarbeitet mit den griechischen Kulturbehörden und Museen, entwirft sie mit 430 bekannten wie jüngst gefundenen, erstmals gezeigten Schätzen das Bild einer von Auf- und Niedergang geprägten, auf Landbesitz beruhenden, kriegerdominierten Kultur. Aus bäuerlichen Anfängen entwickelten sich von Mittelgriechenland bis zur Peloponnes ab 1650 vor Christus zunächst viele kleinere Herrschaften, die erobert in mehreren größeren, unabhängigen  Palastherrschaften aufgingen. Letztere hatten, inspiriert von  Kreta und den Kulturen des östlichen Mittelmeerraums, eine differenzierte Gesellschaftsstruktur und Verwaltung samt Schrift, Luxus, Kult und weitverzweigtem  Handel.

Um 1200 verschwanden sie jedoch rätselhaft, um erneut kleineren „Häuptlingen“ in den schriftlosen, „dunklen Jahrhunderten“ Platz zu machen.  Erst um 800 wird wieder geschrieben, um 500 datiert schließlich das klassische Griechenland. Mit der Entfaltung der  mykenischen Kultur und ihrer Entdeckung durch Heinrich Schliemann und weitere Archäologen hat die Ausstellung zwei Erzählstränge. Legendär ist die Begeisterung des Pfarrerssohns und Kaufmanns Schliemann für die Ilias und Odyssee Homers, die er als Einziger wörtlich nimmt. Vor dem Hintergrund einer originalgroßen Kopie der Löwen des Eingangstors von Mykene, der ersten europäischen Großplastik, erscheinen historische Fotos der ersten Grabungen. 1876 findet Schliemann neben dem Tor fünf steinreiche Gräber im Grabkreis A und darin auch die präsentierte Goldmaske  eines Leichnams, den er fälschlicherweise für Agamemnon hält. Zu sehen sind aus „A“ auch ein bronzenes Schwert, ein Armband, ein „Gamaschenhalter“, goldene Appliken, Knöpfe und Trinkgefäße.

Thema ist ebenso Schliemanns   professionelle Vermarktung mit mehrsprachigen Grabungsberichten und galvanoplastischen Fundkopien.  In einer Kuppelgrabinszenierung  prangt  unter den Grabbeigaben aus der Zeit  früherer Kleinkönige (erhalten sind nur Oberschichtobjekte)  neben Goldamuletten in Eulen- oder Froschform und großen, „kretischen“ Amphoren mit Unterwasserbildern die erst 2014 entdeckte, einzigartige bronzene Krone mit Goldblattstern einer Priesterin aus Routsi. Sensationell ist das 2015 gefundene Grab des „Greifenkriegers“ aus Pylos, aus dem seine goldene Kette, Siegelringe und ein Achatsiegel mit einer meisterhaft geschnitzten Kampfszene zu sehen sind. Im „weißen Palastraum“ geht es auch um die Linear B-Schrift, mit der im frühesten Griechisch auf Tontafeln die Geschäfte der großen Paläste abgewickelt wurden (gezeigt: Tafeln,  Griffel), Schmuck und Schönheit (Gussformen für Anhänger oder Perlen), Feste (Souvlaki-Grill, verzinnte Tongefäße).

Als inszenatorischer Höhepunkt wirkt der aus mehreren Orten komponierte Thronsaal in der Größe des Megarons von Tiryns, an dessen Wand auch ein Schlachtenfries aus  Mykene erscheint. Seine Einrichtung verdeutlichen original  ein kleiner steinerner Altar, Fußbodenmalereien und eine berühmte Wandmalerei mit Herrschaft symbolisierendem Greif und Löwe. Für die Elite stehen ein Eberzahnhelm und kleine Elfenbeinporträts.  Kult und Religion verdeutlichen ein Fresko mit einer Frauenprozession oder zwei tönerne Göttinnen. Zum Schluss treten nach dem Brand der Paläste  hinter schwarzen, rot schimmernden „Kyklopenmauern“ die neuen Führer auf, die mit „antikem“ Schmuck noch von früherer Pracht zehren und neuartige Waffen und einfache Keramik italischen Ursprungs verwenden. Der 39,50 Euro teure Katalog kam  als Standardwerk bei wbg Philipp von Zabern heraus, Begleitprogramm: www.landesmuseum.de. -cal-

 
 

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