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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 1. Februar 2019

Gedenken: Dem Vergessen entreißen

ERINNERN GEGEN DAS VERGESSEN:  Auf dem Ehrenfeld B2 auf dem Hauptfriedhof  erinnerte OB Dr. Frank  Mentrup bei der Gedenkfeier der DGSP an das Schicksal der Opfer der Euthanasie. Foto: Fränkle

ERINNERN GEGEN DAS VERGESSEN: Auf dem Ehrenfeld B2 auf dem Hauptfriedhof erinnerte OB Dr. Frank Mentrup bei der Gedenkfeier der DGSP an das Schicksal der Opfer der Euthanasie. Foto: Fränkle

 

Gedenkfeiern erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus / Veranstaltungen für ermordete Psychiatrie-Patienten und in Lager Verschleppte

Der Opfer des nationalsozialistischen Regimes gedachte Karlsruhe am Sonntag, 27. Januar, mit zwei Veranstaltungen. An diesem seit 1996 bundesweiten Gedenktag hatte die Rote Armee im Jahre 1945 die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz befreit.

Beim Gedenken auf dem Hauptfriedhof standen am Sonntag die von den Nationalsozialisten ermordeten Psychiatriepatienten im Mittelpunkt, danach bei der Veranstaltung der Stadt im vollen Ständehaussaal alle anderen, vor allem die in die Konzentrationslager Verschleppten. OB Dr. Frank Mentrup forderte bei der Feier im Ständehaus auf zum „Gedenken, Erinnern und Aufarbeiten, um künftig solchen Entwicklungen entgegen zu stehen, den Mut zu haben, so etwas aufzuhalten, so lange es noch geht“. Mit einer Schweigeminute erinnerte er an den kürzlich 91-jährig gestorbenen Zeitzeugen Paul Niedermann, dem er besonders dankbar sei. Mit ihm sterbe die Generation der Überlebenden, von denen jetzt nur noch ihre Filme, Tonaufnahmen und Bücher blieben. Wie von Marion Deichmann und Hanna Meyer-Moses oder vom ermordeten Sozialdemokraten Ludwig Marum und seiner Frau Johanna.

Verflechtungen zwischen Tätern und Opfern beleuchtete in seinem Vortrag „Der Kommandant und die Bibelforscherin“ Prof. Dr. Wilhelm Kreutz. Die Zeugin Jehovas, Sophie Stippel, hatte den Kommandanten der Todesfabrik Auschwitz, Rudolf Höß, in den Jahren um 1910 als Schülerkunden in der familieneigenen Mannheimer Metzgerei kennen gelernt. Von den Nationalsozialisten kriminalisiert, in den Konzentrationslagern von Lichtenburg, Ravensbrück und Auschwitz inhaftiert, diente sie Höß und seiner Familie als Köchin, rettete Menschen und überlebte Höß, der 1947 hingerichtet wurde, um 38 Jahre. Zudem entlarvte Kreutz in seinem Vortrag nicht nur Gefühlskälte und Selbstgerechtigkeit von Höß, sondern auch dessen bewusste Verfälschung seiner Biografie.

„Gedenken, Erinnern und Aufarbeiten“, war auch wenige Stunden vor der Veranstaltung im Ständehaus Mentrups zentrale Botschaft bei der Gedenkfeier der Regionalgruppe der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) auf dem Hauptfriedhof. Dort legte der OB mit der Regionalgruppe um ihre Sprecherin Dr. Maria Rave-Schwank auf dem Ehrenfeld B2 bei der Skulptur „Tor der Schmerzen“ in Erinnerung an die Karlsruher Opfer der Euthanasie einen Kranz nieder. Mehr als 230.000 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, psychisch Kranke, Alkoholiker oder „Arbeitsscheue“, die von der nationalsozialistischen Rassenlehre als „lebensunwert“ abgestempelt waren, fielen zwischen 1940 und 1945 der Euthanasie zum Opfer. In deren Rahmen wurden allein 450 aus Karlsruhe stammende Menschen ermordet, die meisten von ihnen in den Vernichtungsstätten Grafeneck auf der Schwäbischen Alb und im mittelhessischen Hadamar.

„Mit vielen der Menschen sind auch ihre Namen und ihre Geschichte untergegangen“, bedeutet Aufarbeiten für Maria Rave-Schwank, „den Opfern mit ihren Namen und ihrer Geschichte ihre Würde zurückzugeben“. Eine Aufgabe, der die DGSP seit Jahren nachgeht und so schon einige der Opfer dem Vergessen entreißen konnte. Karlsruher, die mit dem Blick auf ihre eigene Familiengeschichte etwas dazu beitragen wollen, können sich gerne per E-Mail an maria.rave@t-online.de wenden. -cal-/-trö-

 
 

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