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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 4. Oktober 2019

Kultur: Welt zum Besseren veränderbar

Blick in die „Welt als Krankenhaus“ mit verschiedenen Untersuchungsstationen über den Zustand der Welt, sei es in der Vergangenheit oder in der gegenwärtigen Klimakrise. Foto: Fränkle

Blick in die „Welt als Krankenhaus“ mit verschiedenen Untersuchungsstationen über den Zustand der Welt, sei es in der Vergangenheit oder in der gegenwärtigen Klimakrise. Foto: Fränkle

 

Erstmals Ausstellung über das künstlerische Gesamtwerk Peter Weibels im ZKM

Nach Moskau und Wien liefert die Ausstellung „respektive Peter Weibel“ zum 75. Geburtstag des renommierten Medien- und Konzeptkünstlers als deutsche Premiere einen Überblick über sein künstlerisches Gesamtwerk.

Ausgehend von seiner zwanzigjährigen Arbeit als Kopf  des  Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) thematisiert sie dort noch bis 8. März Mechanismen der Wahrnehmung und des Denkens, die Eigenwelt der Apparate, die  Krise der  Repräsentation  und des Betriebssystems Kunst sowie  die Beziehung von Kunst, Politik und Ökonomie. Um die Welt  zu erkennen, will Weibel zeigen, wie sie „als Sammlung von immer wieder veränderbaren Variablen konstruiert wird“. So zeigt er mit  der Installation  „Possible“ das Mögliche als das Reale. Es gebe immer Alternativen, um Entwicklungen, die die Erde bedrohten, wieder zu korrigieren. Wichtig ist ihm, dass Menschen Zukunft gestalten und sie nicht einfach auf sich zukommen lassen. Seine Arbeiten sollen „jedem Zuschauer Mehrwert“, also Erkenntnis bieten, Kultur für alle selbstverständlich machen, sie in die Kunst integrieren, so dass sie sich aktiv mit ihr auseinander setzen können. Ein Herzstück ist die „Die Welt als Krankenhaus“. Hier dienen die  Objekte als Untersuchungsstationen über den gegenwärtigen „Zustand der Welt“. Etwa die „Senkung“, den so Weibel, „wir versenken unsere Probleme“. Oder: „wir sind dabei, die Erde aufzuessen“, visualisiert durch eine gläserne Tischplatte auf Telefonbüchern, auf der zwei Gedecke mit durchlöcherten Tellern stehen. Instrumente aus Beton vor Fotos von Opfern und Tätern  zeigen Kultur  „versteinert“, fragen wie gleichzeitig Musikgenuss und der Mord an Millionen von Menschen möglich waren? Die vom ZKM kollektiv kuratierte Schau eröffnet so Einblicke in das Denken dieses unermüdlichen Nomaden zwischen Kunst und Wissenschaft, dem niemals die Ideen auszugehen scheinen. Grundlage sind  Problemstellungen, die er mittels vieler geeigneter Materialien, Formen und Techniken verfolgt.  Sie reichen von  Wahrnehmungs-  über  Sprach-  und   Medienkritik bis  zur   Wirklichkeitskritik.   Parallel   entwickelte Weibel utopische Visionen einer  freien Gesellschaft und  individueller Freiheit auf der Grundlage eigener technologischer Erfindungen.

Zu erleben ist so vielfach, wie Weibels Werke, die  zu den  Ikonen der Medienkunst zählen, früh entscheidende Entwicklungen in der  Kunst des  ausgehenden  20. und 21.   Jahrhunderts vorweg nah¬men und gängige Vorstellungen von Kunst radikal in Frage  stellten. Unter  den  Bedingungen des  medialen Zeitalters definierte Weibel seit den  1960er-Jahren künstlerische Kreativität konsequent als offenes  Handlungsfeld.  Ausgehend von intensiver Auseinandersetzung mit Sprachtheorie, Mathematik und logischer Philosophie entwickelte  er  ab  1964  eine künstlerische Sprache, die ihn  von der visuellen Poesie und  experimentellen Literatur zur Performance und der Dekonstruktion filmischer Darstellung führte.  Ab 1966  wendete er in seinen Werken  partizipatorische und interaktive Praktiken an,   die  ab   1969   zu   Closed-Circuit-Videoin¬stalla¬tio¬nen  und   den ersten interaktiven Computerinstallationen in den 1980er-Jahren führten.    Hier thematisiert er  das  Verhältnis  von  Medien  und  der  Konstruktion von Wirklichkeit, also dem Leben zwischen medial suggerierter und tatsächlicher Realität.-cal/red-

 
 

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