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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 6. Dezember 2019

„Ungesühnte Nazijustiz“: Den Stein ins Rollen gebracht

Schau „Ungesühnte Nazijustiz“ durchbrach Mauer des Schweigens über NS-Todesrichter

Den Startschuss für die heutige Erinnerungskultur gab vor 60 Jahren die von dem Studenten Reinhard Strecker initiierte Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ trotz anfänglich massiver Widerstände in Politik und Justiz. Gezeigt vom 28. bis 30. November 1959 im Krokodil am Ludwigsplatz, umfasste sie Schnellhefter mit 105 Todesurteilen, an denen 206 Richter und Staatsanwälte beteiligt waren.

Ferner Personalakten, eine Kartei und eine Tabelle der belasteten Juristen samt damals aktuellen Angaben zu Wohnort und Berufsposition. Die Schau bewirkte nach Stationen in deutschen Universitätsstädten und im Ausland sowie einer auch internationalen Presseresonanz endlich ein Ende des Schweigens über die nationalsozialistische Vergangenheit. Auch wenn keine Verurteilungen von an unverantwortlichen Todesurteilen beteiligten Juristen folgten, kam es 1962 zu einer Grundgesetzänderung, nach der sich 149 Richter und Staatsanwälte vorzeitig in den Ruhestand verabschiedeten.

Über all dies referierte auf Einladung des Stadtarchivs am 27. November der Historiker Dr. Stephan Alexander Glienke. OB Dr. Frank Mentrup wünschte sich, dass „diese Ausstellung und ihre Kampagne künftig ein Thema im Forum Recht werden und stärker in das stadtgeschichtliche Bewusstsein rücken“ sollten. Glienke berichtete zunächst über das komplexe Geschehen. Etwa, dass die Stadt sofort nach der Eröffnung den eigentlichen Ausstellungsort in der Stadthalle aufgab und selbst die SPD nicht nur vor dem Besuch der Schau warnte, sondern beteiligte Studierende aus der Partei ausschloss.

Denn das von Strecker und seinen Mitstreitern, aus mehreren Studentenbünden, darunter der  Sozialistische Deutsche Studentenbund,  ausgelegte Material stammte mangels Aktenzugang in der BRD aus der DDR. Diese hatte Belastungen von Richtern über die „Blutrichterkampagne“ Mitte der 1950er-Jahre  thematisiert. Ernst genommen wurde die Ausstellung spätestens, als der damalige Generalbundesanwalt Max Güde die Dokumente als „authentisch“ bezeichnete. In der sich auch um Lehren aus der Vergangenheit drehenden Podiumsdiskussion  sagte dessen Sohn, der Jurist Dr. Wilhelm Güde, dass heutige Richter „so grauenhafte Gesetze“ wie im Nationalsozialismus nicht mehr akzeptieren würden.

Auch  Mentrup hielt den Rechtsstaat für „widerstandsfähiger“. Die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Bettina Limperg hoffte das auch, war aber  hinsichtlich der Frühpensionierung polnischer  Richter nicht sicher, „dass etwas in anderem Gewand passieren könnte“. Vielleicht sei das Rechtssystem dort schon gekippt. Demokratie bedürfe stets „lebendiger Aneignung, nicht nur von Juristen sondern allen Bürgern“ folgerte Glienke. -cal-  

 
 

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