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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 31. Januar 2020

Gedenken: Nicht mehr stigmatisieren

EINEN KRANZ für die von den Nationalsozialisten ermordeten Behinderten und Psychisch Kranken legte Bürgermeister Dr. Albert Käuflein mit Dr. Maria Rave-Schwank auf dem Hauptfriedhof nieder. Foto: Fränkle

EINEN KRANZ für die von den Nationalsozialisten ermordeten Behinderten und Psychisch Kranken legte Bürgermeister Dr. Albert Käuflein mit Dr. Maria Rave-Schwank auf dem Hauptfriedhof nieder. Foto: Fränkle

 

Euthanasie-Opfer am 27. Januar im Karlsruher Fokus 1sp/9p/hf

Namenlose Euthanasie-Opfer, behinderte oder seelisch kranke Menschen, standen in Karlsruhe am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz (27. Januar) im Fokus.

Nachdem Bürgermeister Dr. Albert Käuflein wie Mitglieder der Regionalgruppe der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie (DGSP) sie auf dem Ehrenfeld B2 im Hauptfriedhof gewürdigt hatten, wies OB Dr. Frank Mentrup  bei der Veranstaltung der Stadt im Ständehaussaal auf die Wichtigkeit des Erinnerns hin und mahnte wie Initiator Roman Herzog „zur Wachsamkeit“, da entgegengesetzte gesellschaftliche Entwicklungen diese Arbeit massiv in Frage stellten. An der engmaschigen Umsetzung des 1934 erlassenen NS-Gesetzes „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ seien badisches Innenministerium wie die Stadt mit ihrem Krankenhaus, Fürsorgestellen und weitere Behörden beteiligt gewesen. Das zeige, „wie ursprünglich helfende und unterstützende Strukturen unter gewandelten gesellschaftlichen Bedingungen für unterdrückende, vernichtende Maßnahmen instrumentalisierbar sind“.

Mentrup dankte Referentin Dr. Maria Rave-Schwank, ehemals Klinikchefin der Psychiatrie und Psychotherapeutischen Medizin, ausdrücklich für ihr mit der DGSP-Gruppe erarbeitetes und vom Stadtarchiv unterstütztes Gedenkbuch „Gegen die Macht des Vergessens“ (Info Verlag, zehn Euro). Rave-Schwank berichtete, wie die Gruppe sich nach einem Besuch in Grafeneck, wo in der NS-Aktion T4 von 1939 bis August 1941 mehr als 10.000 psychisch Kranke und Behinderte vergast wurden, auf die Suche nach den Karlsruher Opfern machte. Nach Entlarvung diverser NS-Täuschungsmanöver, etwa als „Gnadentod“ getarnter Krankenmorde mit Ziel einer „reinen Rasse“ oder weit entfernter fingierter Sterbeorte samt Urnen falscher Aschen konnten 372 Menschen identifiziert und erstmals mit Namen und Quellen veröffentlicht werden. Werden auf der Gedenktafel des Ehrenfeldes noch 289 Tote genannt, sind es vermutlich sogar 450. Insgesamt geht Rave-Schwank mit den noch zu erforschenden Dezentralen Euthanasie-Tötungen von 1939 bis 1945 von bis zu 800 Opfern aus. Als Botschaft der Toten sieht sie eine dreifache Stigmatisierung, erst durch psychiatrisches Fachpersonal, dann durch Gerichte und Politiker und schließlich durch schweigende, sich schämende Familien. Um dem entgegen zu wirken, bittet die Gruppe um Hilfe bei der Grabpflege auf dem Hauptfriedhof und Thematisierung der Krankenmorde in den Schulen. Beispiele sind die Schicksale der schutzlosen, behinderten Matilde Kogler oder des kriegsgeschädigten und kranken Ernst Voßler. Um die Stigmatisierung psychisch Kranker zu vermindern, lädt die DGSP Familienangehörige und Freunde für Mittwoch, 12. Februar, 18 Uhr, in die Südendstraße 12 zu einem Gespräch ein.

Mit einem Sonderkonzert, das in der europäischen Erstaufführung der Kantate des nach Neuseeland geflohenen Komponisten Richard Fuchs „Vom jüdischen Schicksal“, einem strahlenden Plädoyer für jüdisches Existenzrecht, gipfelte und einer Schau über seinen Bruder, Fußballstar Gottfried Fuchs, gestalteten Badisches Staatstheater und Bachchor im Beisein von Mitgliedern der Familie Fuchs tags darauf einen weiteren bewegenden Höhepunkt des Gedenkens. -cal-

 
 

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