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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 22. Mai 2020

Sinti und Roma: Verstoßen vor 80 Jahren

Deportation von Sinti und Roma aus Karlsruhe

Im Jahr 1940 erreichte die Verfolgung von Menschen, die das nationalsozialistische Regime als Feinde erklärte, im Deutschen Reich einen neuen Höhepunkt. Aus Karlsruhe wurden über 1.000 Menschen in besetzte Länder deportiert. Darunter im Frühjahr etwa 200 Sinti und Roma in das besetzte Polen.

„Lange Zeit gehörten sie zu den ‚vergessenen Opfern‘“, schreibt OB Dr. Frank Mentrup im Geleitwort zu einer neuen Publikation aus dem Stadtarchiv, die ihrer frühen Verfolgungsgeschichte gilt. „In der Bundesrepublik wurde ihre Verfolgung lange Zeit nicht anerkannt. Erst 1982 erfolgte gegen maßgeblichen Widerstand von immer noch wirkenden sogenannten ‚Zigeunerexperten‘ die formale Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus“.

Gedenkveranstaltung 2021

Die von der Stadt geplante Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Deportation fiel wegen Corona aus. 2021 soll sie mit Vorträgen und einer Ausstellung nachgeholt werden.

Am 16. Mai 1940 wurden auf Anweisung Heinrich Himmlers etwa 2.800 „Zigeuner“, so die lange benutzte diskriminierende Bezeichnung, verhaftet, in Sammellager gebracht und in das Generalgouvernement Polen gebracht. Dort kamen sie in Arbeitslager oder Ghettos. Erste Station von Karlsruhe aus war das Sammellager Hohenasperg. Vorausgegangen war dieser Aktion 1938 die systematische Erfassung aller „Zigeuner“, bald gefolgt vom Verbot, ihre Wohnorte zu verlassen. Maßgeblicher Organisator war Paul Werner im Berliner Reichssicherheitshauptamt, von 1933 bis 1936 Leiter der „Zigeunerstelle“ des badischen Landeskriminalpolizeiamtes in Karlsruhe.

Hier organisierte der Polizeibeamte Max Regelin die Aktion. Die Sinti-Familien aus Karlsruhe und der Region wurden im Polizeipräsidium am Marktplatz zusammengetrieben und von dort mit Lastwagen in das Zuchthaus Hohenasperg, gebracht. Etwa die Hälfte der dann nach Polen Deportierten kam um. Während in den von Deutschland besetzten Ländern Osteuropas ein Völkermord an den Sinti und Roma, dem Hunderttausende zum Opfer fielen, stattfand, wurde im Deutschen Reich diese „Endlösung“ Ende 1942 angegangen.

Am 16. Dezember 1942 ordnete Himmler an, alle noch im Reichsgebiet und den besetzten Ländern lebenden Sinti und Roma in Vernichtungslager zu schicken. Im März 1943 wurden über 20.000 Menschen, auch aus Karlsruhe, als „rassisch minderwertig“ nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo bis 1944 über zwei Drittel an Hunger, Misshandlungen, Krankheit oder medizinischen Experimenten starben. Der Leidensweg der Sinti und Roma endete jedoch nicht 1945.

An die jahrhundertealte Diskriminierung der „Zigeuner“ konnte nach den Nazi-Verbrechen zwar nicht mehr umstandslos angeknüpft werden, doch bestimmten sogenannte „Zigeunerexperten“ anfangs in der Bundesrepublik über die behördliche Praxis gegenüber „Landfahrern“ ebenso wie über die verweigerte Wiedergutmachung für die NS-Opfer. So passte es auch, dass Werner oder Regelin in der Bundesrepublik Posten im Landesinnerministerium beziehungsweise in der Polizeiführung innehatten.

Über die Deportation der Karlsruher Sinti und Roma 1940 sowie Ermordungen nach 1943 schrieb Michail Krausnick 1990 ein Buch, herausgegeben von der Stadt zum 75. Jahrestage 2015 in erweiterter Neuauflage.

Neue Publikation

Jetzt nahm das Stadtarchiv im 18. Band seiner Schriftenreihe „Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte“ eine Masterarbeit mit Fokus auf die Verfolgung nach 1933 bis zur „Verreichlichung“ der Polizei 1937 auf. Johannes Kaiser: Verfolgung von Sinti und Roma in Karlsruhe im Nationalsozialismus. Die städtische und kriminalpolizeiliche Praxis, Infoverlag Karlsruhe, erhältlich für 14,90 Euro ab 25. Mai im Buchhandel und Stadtarchiv.

 
 

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