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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 7. August 2020

Stadtarchiv: Frühe Liberalität bekam später Risse

NEUE ERKENNTNISSE: Autor Marco Wottge (l.) bei der Präsentation im Stadtarchiv mit Bürgermeister Albert Käuflein und Katrin Dort. Foto: Fränkle

NEUE ERKENNTNISSE: Autor Marco Wottge (l.) bei der Präsentation im Stadtarchiv mit Bürgermeister Albert Käuflein und Katrin Dort. Foto: Fränkle

 

Zwei neue Publikationen des Stadtarchivs zeigen Entwicklungen in unterschiedlichen Epochen: Arbeiten beleuchten Umgang mit religiösen Minderheiten in Anfangsjahren und Arisierung in NS-Zeit

Wenn es denn so etwas wie einen Stadtgeist gibt, dann wehte er in Karlsruhe in den einzelnen Epochen der historischen Entwicklung in unterschiedliche Richtungen. Dies zeigen die beiden neuen Publikationen, die das Stadtarchiv soeben in seiner Reihe „Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte“ vorlegte.

Das große Verdienst der Reihe besteht auch darin, durch die Erforschung historischer Quellen die besonderen Ausformungen des Bilds zu zeichnen, das die Fächerstadt vor dem Hintergrund der jeweiligen gesamtgesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen und Entwicklungen bot. Welche Unterschiede gab es im Leben in Karlsruhe im Vergleich zu dem im gesamten Lande? Sind die Abweichungen marginal und im Alltag kaum zu spüren gewesen - oder wehte der Stadtgeist in gänzlich andere Richtung als der Weltgeist? Diesen Fragen gingen auch die beiden Dissertationen nach, die jetzt in Buchform als Band 19 und Band 20 der Reihe im Karlsruher Info Verlag erschienen sind.

Die Arbeiten lieferten neue Erkenntnisse „und schließen Forschungslücken der Stadtgeschichte“, betonte Bürgermeister Dr. Albert Käuflein, als er die Werke zusammen mit der Leiterin des Stadtarchivs Dr. Katrin Dort den Medien vorstellte. Ein Teil dieser Erkenntnisse stammt von Pascal Andresen, der in Band 19 unter dem Titel „Leben am Rande im Zentrum der Macht?“ die Rolle und das Leben religiöser Minderheiten in einer Plan- und Residenzstadt des 18. und 19. Jahrhunderts am Beispiel Karlsruhes untersuchte. Sein wichtigstes Ergebnis: Der Privilegienbrief, mit dem Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach im September 1715 Menschen aus nah und fern mit vielerlei Freiheiten und Vergünstigungen zur Ansiedlung um seine neu gegründete Residenz aufrief, hält der Überprüfung in der gelebten Realität der jungen Fächerstadt stand. Vor allem in Sachen Religionsfreiheit war der Karlsruher Stadtgeist im Gegensatz zum absolutistischen Weltgeist schon früh auf Liberalität eingestellt. Andresens Quellenforschungen unterstreichen, dass alle vier in Karlsruhe bereits kurz nach der Stadtgründung vertretenen Glaubensrichtungen (Lutheraner, Reformierte, Katholiken, Juden) im 18. und 19. Jahrhundert ungehindert nach ihren Riten und Bräuche leben konnten. Die Juden durften zwar wie in allen deutschen Fürstentümern bis auf den des Metzgers keinen einer Zunft zugeordneten Beruf ausüben, hatten aber bereits Synagogen bevor die Katholiken 1814 mit St. Stephan ihre erste Kirche einweihen konnten.

Einige Generationen später allerdings bekam die badische Liberalität gewaltige Risse - und verkehrte sich genau ins Gegenteil. Dies zeigt Marco Wottge in seiner an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe entstandenen Dissertation über „Arisierung in der Zeit des Nationalsozialismus in Karlsruhe“, die als Band 20 der Reihe erschienen ist. Darin belegt Wottge, dass Karlsruhe bereits vor 1937 eine im Vergleich zum Reich deutlich schärfere antisemitische Wirtschaftspolitik betrieb und bei der rigiden Umsetzung der Übernahme und Enteignung jüdischen Eigentums sogar Konflikte mit übergeordneten Behörden riskierte. -trö-

 
 

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