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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 9. Juli 2021

Szenische Lesung: Jüdisches Leben in Karlsruhe

PROTAGONISTEN der szenischen Lesung: die Schauspieler Berth Wesselmann (rechts) und Oliver Jakobs im Tollhaus. Foto: Knopf

PROTAGONISTEN der szenischen Lesung: die Schauspieler Berth Wesselmann (rechts) und Oliver Jakobs im Tollhaus. Foto: Knopf

 

Szenische Lesung skizziert Geschichte vom Privilegienbrief über anhaltende Diskriminierung bis zur Deportation

„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ waren Anlass für eine szenische Lesung im Tollhaus, die in Kooperation von Jüdischer Kultusgemeinde Karlsruhe, Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und Badischer Landesbibliothek initiiert wurde. In der musikalisch untermalten Lesung, welche die Autorin Jutta Berendes inszenierte, wird die Geschichte der Karlsruher Juden von 1717, zwei Jahre nach der Stadtgründung, bis 1940 nachskizziert.

Der Vortrag wurde von den Schauspielern des Theaters Baden-Baden, Berth Wesselmann (Isaak) und Oliver Jakobs (Der Zweite), eindrucksvoll gestaltet. Den Gesang steuerte der Kantor der Jüdischen Gemeinde Mannheim, Amnon Seelig bei, begleitet am Piano von Scott Faigen.

Die Geschichte handelt von Isaak, der in der noch jungen Fächerstadt einen neuen Anfang sucht. Dies verspricht der Privilegienbrief des Markgrafen Karl Wilhelm. Die rasch wachsende Gemeinde hat eine erste Synagoge, einen Rabbiner und einen Judenschultheiß. Die jüdische Bevölkerung trägt wesentlich zum Aufblühen der jungen Stadt bei. Trotzdem bleiben ihr viele Rechte verwehrt, Angehörige werden weiter ausgegrenzt. 1809 schließlich wird der Oberrat der Israeliten Badens gegründet. Aber erst 1862 werden die Juden rechtlich gleichgestellt.

Trotz ihrer Liebe zur Heimat und des Einsatzes im Ersten Weltkrieg, grassiert der Antisemitismus zunehmend („Dolchstoßlegende“) und findet keine Grenzen mehr. Die Lesung endet mit der Deportation und dem tragischen Ende der Juden aus Baden und der Pfalz nach Gurs 1940.

Die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde, Solange Rosenberg, hatte das Publikum begrüßt und sich für die Unterstützung der Stadt bei dem Projekt bedankt: „Wir möchten Sie mit auf eine Zeitreise nehmen. Diese veranschaulicht, wie prägend das jüdische Leben für die deutsche Kultur war. Wir verfolgen den Weg von Isaak, der aus dem heutigen Tschechien 1716 nach Baden kam.“ Zahlreiche Akteure aus der Karlsruher Politik, Kultur und Kirche waren unter den Gästen. Seeligs Gesang, unter anderem „Der Heimatlose“, oder „El Male Rachamim“ (Gebet für die Ermordeten der Schoah) beeindruckte.

Man erfuhr viel aus dem jüdischen Alltag, vom Reformwillen Karl Wilhelms. Aber auch über den Fakt, dass die Juden nur geduldet, wenn sie wohlhabend und keine „Betteljuden“ waren, sich an der städtischen Finanzierung beteiligten. Vom Synagogen-Bau Weinbrenners und von der Blütezeit des Judentums in der badischen Residenz über das Emanzipationsedikt bis zu erfolgreichen Kaufleuten und Textilhändlern, die es bis zu badischen Hoflieferanten schafften, war Einiges zu erfahren.

Gleiches galt für wegweisende Wissenschaftler an der TH wie Heinrich Hertz oder weitsichtige jüdische Minister wie Ludwig Haas. Letztlich wurde eine Geschichte der permanenten Diskriminierung aufgezeigt – von den antisemitischen Hep-Hep-Aufständen bis zur „Schaufahrt“ des SPD-Politikers Ludwig Marum ins KZ Kislau und dessen Ermordung. -voko-

 
 

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