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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 30. Juli 2021

Kultur: Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung mit Siegbert Schefke

BÜRGERRECHTLER: Siegbert Schefke (l.) wurde zur Vorlesung von OB Mentrup und BGH-Präsidentin Bettina Limperg begrüßt. Foto: MMG

BÜRGERRECHTLER: Siegbert Schefke (l.) wurde zur Vorlesung von OB Mentrup und BGH-Präsidentin Bettina Limperg begrüßt. Foto: MMG

 

Chronist des Zerfalls / DDR-Bürgerrechtler filmte heimlich Großdemonstration

Mit dem Begriff Vorlesung dürften die meisten eher ein akademisches Format assoziieren. Das stellte in diesem Jahr die Reinhold-Frank-Gedächtnis-Vorlesung allerdings nicht dar. Vielmehr sorgte der Journalist und ehemalige Bürgerrechtler Siegbert Schefke für ein Novum, indem er seine Rolle am Ende des SED-Staates und seinen Werdegang in der DDR in eine sehr persönliche Schilderung kleidete.

Genau dadurch aber gelang es Schefke, das Publikum im Bürgersaal des Rathauses gleichsam in die Ereignisse des Herbstes 1989 eintauchen zu lassen, als Großdemonstrationen den Stein ins Rollen brachten und schließlich den Untergang der DDR herbeiführten. Mitten drin dabei war Siegbert Schefke, der zusammen mit seinem Freund Aram Radomski seinerzeit als Video-Chronist den Zerfall von historischen Städten ebenso dokumentierte wie die enorme Umweltverschmutzung. „Wenn im Osten etwas passiert, dann in Leipzig“, sagten sie sich und fuhren, stets auf der Flucht vor der Staatssicherheit, nach Leipzig. Den beiden gelang es nicht nur, von einem Kirchtum aus („da lagen wir im Taubendreck und warteten auf die Demo“) heimlich die einzigen Bilder von der Großkundgebung am 9. Oktober zu filmen, sondern diese Aufnahmen auch in den Westen zu schmuggeln. Deren Ausstrahlung in den „Tagesthemen“ informierten zum ersten Mal die Weltöffentlichkeit über die Massenproteste.  „Die DDR wäre sowieso zusammengebrochen, wir wollten das ein bisschen vorziehen“, kommentierte Schefke seine Motivation.

Anlass dazu hatte der gebürtige Eberswaldener durchaus, denn in seiner Biographie „wurden die Weichen von der Stasi gestellt“.  Weil er sich dem System nicht unterordnen wollte, wurde unter anderem aus dem geplanten Architekturstudium eine Dachdeckerlehre. „Wie kannst du diesen Staat bekämpfen“, lautete daher Schefkes Maxime.

In diesem Punkt trafen sich die Lebensläufe des DDR-Bürgerrechtlers und des von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Reinhold Frank, an dessen Geburtstag vor 125 Jahren erinnert wurde. Ihrem Beispiel gelte es zu folgen und die Bewahrung der Rechtsstaatlichkeit im Blick zu behalten, betonte Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup in seinem Grußwort, weil „demokratiefeindliche Tendenzen immer noch zu Tage treten“. Als „besonders perfide“ empfand der OB dabei die Instrumentalisierung von Opfern des Nationalsozialismus durch die „Querdenker“-Bewegung. Auch Thomas Strobl, Innenminister des Landes Baden-Württemberg, erinnerte daran, dass „der Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeit ist und verteidigt werden muss“. Es sei legitim, eine staatliche Ordnung zu hinterfragen, jedoch dürfe dies nicht in Desinformation münden. Denn  die zerstöre „das Fundament des demokratischen Diskurses“. -eck-

 
 

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