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Karlsruhe: Stadtzeitung

Ausgabe vom 3. Dezember 2021

Deutschlandpremiere in der Städtischen Galerie: Rollenspiele im Retro-Look

ROLLENSPIELE: Elsa und Johanna studierten beide an renommierten Kunsthochschulen in Paris, lernten sich allerdings erst in New York kennen. Foto: Enderle

ROLLENSPIELE: Elsa und Johanna studierten beide an renommierten Kunsthochschulen in Paris, lernten sich allerdings erst in New York kennen. Foto: Enderle

 

„The plural life of Identity”: Ausstellung des Fotografinnen-Duos Elsa & Johanna

Elsa Parra und Johanna Benaïnous beobachten leidenschaftlich gerne Menschen. Ein zunächst nicht ungewöhnlicher Zeitvertreib. Bei den in Paris lebenden Fotografinnen bleibt es aber nicht dabei. Sie sehen bei ihren Streifzügen genau hin, erfinden Geschichten und verwandeln sie in Bildwelten. Unter dem Titel „Elsa & Johanna. The Plural Life of Identity“ präsentiert die Städtische Galerie Karlsruhe bis kommenden März die erste Einzelausstellung der Künstlerinnen in Deutschland.

Seit 2014 stehen sich die beiden selbst Modell, nehmen mittels Verkleidung und sorgsam arrangierter Requisiten fiktive Identitäten an. Gleichwohl wirken ihre Figuren echt. Sie erschüfen „eigenständige Charaktere“, die jeder zu kennen glaube, beschrieb Elsa den gemeinsamen Ansatz beim Pressegespräch zum Auftakt der Ausstellung. Dabei liege ihnen „Künstliches“ Johanna zufolge fern. Um möglichst natürlich zu bleiben und der Realität nahe zu kommen, bedienten sie sich beim Fotografieren ausschließlich des vorhandenen Lichts.

Ausgangspunkt der von Galerie-Leiterin Stefanie Patruno kuratierten Schau mit insgesamt vier Fotoserien, Videos und einem Film bildet im Forum des Erdgeschosses „A Couple of them“. Für die 80 Porträts schlüpften die Französinnen in die Rollen von Jugendlichen, posierten an Bushaltestellen, Sportplätzen, im Maisfeld oder vor Fast-Food-Ketten. Trotzig, provozierend, lässig, fragend, immer ernst dreinblickend.

In der 2018 im kanadischen Calgary konzipierten Bildstrecke „Beyond The Shadows“ – zu sehen im zweiten Obergeschoss – wird das Duo „erwachsen“. In der Vorstadt angemietete Unterkünfte und deren Umgebung bilden die Kulisse ihrer melancholisch, bisweilen unbehaglich anmutenden Auftritte als Liebende, Freundinnen oder Mutter und Tochter. Das ist großes Kino mit Wim Wenders und David Lynch als denkbaren Regisseuren. Im Ungefähren bleiben auch die Erzählungen in „The Timeless Story of Moormerland“, einem Zyklus aktueller Arbeiten samt passender Rauminstallationen, die Elsa und Johanna eigens für Karlsruhe beitrugen.

Für dieses jüngste Projekt quartierten sie sich in der ostfriesischen Provinz ein. Als Arbeitsgerät diente anstelle der digitalen eine analoge Kamera. So entstanden amateurhaft und damit authentisch wirkende Aufnahmen wie sie Familienalben der siebziger und achtziger Jahre entsprungen sein könnten. Elsa und Johanna erstarren auf Balkonen und Couches ihrer Ferienwohnungen in gepflegter Langeweile, geben Partygirls, Mütter und Hausfrauen in Retro-Idyllen mit Mustertapete, geblümter Tagesdecke, Gartenzaun. -maf-

 
 

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